Gudden, Johann Bernhard Aloys von
1871
Nachname:
Gudden
Vorname:
Johann Bernhard Aloys von
Epoche:
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Neurologie
Psychiatrie
Geburtsort:
Kleve
* 07.06.1824
† 13.06.1886

ZUSATZMATERIAL


Gründungsbild Frankonia Titelblatt Dissertation Kreis-Irrenanstalt Werneck Ehem. Oberb. Irrenanstalt 1919 Schloss Berg 1886
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Deutscher Psychiater und Arzt von Ludwig II.

 

Jugend und früher Werdegang

Bernhard von Gudden (1824-1886) wurde als dritter von sieben Söhnen des Guts- und Brauereibesitzers Johannes Gudden und dessen Ehefrau Bernhardine in Kleve am Niederrhein geboren (Hippius 2007; Gudden 1988; Grünthal 1970; Ganser 1924). Die Familie war seit mehreren Generationen in Kleve und Umgebung ansässig, einer bürgerlich-konservativen Stadt mit etwa 7.000 Einwohnern und ein beliebter Alterssitz niederländischer Kolonialbeamter. Bernhard Gudden besuchte das Königliche Gymnasium und legte 1843 die Reifeprüfung ab. Im Wintersemester 1843/44 begann er das Studium der Philosophie an der einzigen Universität der preußischen Rheinprovinz in Bonn, wechselte aber im folgenden Semester zur Medizin. 1845/46 war er Gründungsmitglied der liberalen, heute noch existierenden Bonner Burschenschaft Frankonia (Hippius 2007, S. 2). 1847 setzte er das Studium in Halle fort, wurde Doktorand des Physiologen Alfred Wilhelm Volkmann (1801-1877) und wurde am 22. März 1848 zum Thema De motu oculi humani (Über Bewegungen der menschlichen Augen) promoviert (vgl. Danek 2007). Nach dem Militärdienst war Gudden zunächst Assistenzarzt der Irrenanstalt der Rheinprovinz in der säkularisierten Abtei St. Michael über Siegburg. Er arbeitete dort unter der Leitung des damals bereits 74-jährigen ärztlichen Direktors Carl Wigand Maximilian Jacobi (1775-1858).

 

1851 übernahm Gudden eine Stelle als Assistenzarzt in der Reformanstalt Illenau bei Achern in Baden am Nordrand des Schwarzwalds unter der Leitung von Christian Friedrich Wilhelm Roller (1802-1878). Roller verwirklichte das in England in den 1830er Jahren von Robert Gardiner Hill (1811-1878) und John Conolly (1794-1866) begründete Prinzip des „Non-restraint“, also des Verzichts auf mechanische Zwangsmittel bei der Behandlung psychiatrischer Patienten (s. Conolly 1856). Gudden sollte diese Haltung später in den von ihm selbst geleiteten Anstalten konsequent vertreten und durchsetzen (Hippius 2007, S. 2).

 

1855 heiratete Gudden Clarissa Voigt (1832-1894; Hippius 2007, S. 2), die Enkelin seines früheren Siegburger Chefs Jacobi. Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor: der früh an Typhus verstorbene Sohn Ernst Gudden (1856-1875); Anna Grashey, geb. Gudden (1857-1915; verh. mit dem Psychiater Hubert von Grashey); der nach einer 1881 erlittenen Verbrennung schwerbehinderte Kunstmaler Max Gudden (1859-1893); der Nervenarzt Clemens Gudden (1861-1931, von 1890 bis 1904 Eigentümer und Leiter der Heilanstalt Pützchen bei Bonn, s. Wildenrath 1910); der Maler Rudolf Gudden (1863-1935); Emma Ritter. geb. Gudden (1865-1931; verh. mit dem Maler Paul Ritter) und der Psychiater Hans Gudden (1866-1940, von 1904 bis 1920 Leiter der Psychiatrischen Klinik der Universität München).

 

Direktor der bayerischen Kreis-Irrenanstalt Werneck

1855 wurde Gudden eine führende Stellung im badischen Medizinalwesen angeboten, stattdessen übernahm er jedoch die Leitung der Kreis-Irrenanstalt Werneck, die am 1. Oktober 1855 in Betrieb ging (Gudden 1858, S. 319; vgl. dazu Bösch 2007, S. 29 ff.). Diese Anstalt des Kreises von Unterfranken und Aschaffenburg (Königreich Bayern) wurde in dem von Balthasar Neumann (1687-1753) von 1733 bis 1745 als fürstlich-würzburgische Sommerresidenz erbauten Schloss untergebracht, in dem noch heute neben einer orthopädischen Abteilung das psychiatrische Krankenhaus des Bezirks Unterfranken ansässig ist.

Gudden lebte mit seiner Familie selbst in der Anstalt, deren Entwicklung von den Behörden nachdrücklich gefördert wurde, wie ein Zitat Guddens belegt: „Werneck muß man sehen und die Liebe der Regierung für das Werk kennen, um die Freude zu begreifen, die mir diese Anstalt macht.“ (zit. nach Bösch 2007, S. 30). In der Einrichtung galt das bereits erwähnte Prinzip des „Non-restraint“ (Gudden 1869, S. 13 ff.). Neue Pflegekräfte wurden nur dann eingestellt, wenn sie sich zu dessen Umsetzung verpflichteten (vgl. zum Pflegekonzept Hunze 2010, S. 139 f.; Gudden 2007). Ausführliche Dienstanweisungen leiteten das Personal zu einem humaneren Umgang mit den Patienten an, etwa durch Ausflüge in die Umgebung, Besuche des ortsansässigen Gasthauses, Musik- und Gesprächsgruppen, also Angeboten, die Jahrzehnte zuvor in Irrenanstalten undenkbar gewesen wären. Gudden (1869, S. 17) erläuterte in einem Tagesbericht: „Aber höher noch als die Abschaffung des mechanischen Zwanges, steht uns die Achtung, die Pflege und Stärkung auch des kleinsten Restes der geistigen Freiheit und die Fernhaltung aller und jeder geistigen Vergewaltigung. [...] An die 90 Kranke […] bewegen sich frei; ohne alle beschränkende Begleitung; ungefähr 30 von diesen auch ausserhalb des Anstaltsgebietes im Orte Werneck und dessen Umgebung.“

Das Wirken Guddens in Werneck und sein Einfluss auf die bauliche Gestaltung von Schloss und Garten lässt sich, da die einschlägigen Archivalien des Kreises von Unterfranken und Aschaffenburg 1945 verbrannt sind, nur annähernd aus den Jahresberichten rekonstruieren, die Gudden an das Ministerium in München erstattete, und die Erich Schneider (2003) in Auszügen für seine Baugeschichte Wernecks verwendet hat. Weitere Hinweise gab Gudden (1858; 1858a; 1869, vgl. Laehr 1858) in der Zeitschrift für Allgemeine Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin u. a. mit einem Belegungsrapport im Vergleich zu anderen Anstalten (Anonym 1865, S. 559 f.).

 

Gestaltung und Belegung der Kreis-Irrenanstalt Werneck

Das ehemals fürstbischöfliche Schloss Werneck war 1805 dem Erzherzog von Toskana (1847-1915) und dann 1813 mit dem Rieder Vertrag dem bayerischen Königshaus zugefallen. König Max II. (1811-1864) überließ das Schloss dem Kreis von Unterfranken und Aschaffenburg für 155.000 Gulden. Gudden bemerkte, dass es sich angesichts dieses günstigen Kaufpreises schon mehr um eine „Gabe“ handelte (Bösch 2007, S. 30). 1853 legten Bau-Inspektor Mack und Kreismedizinalrat Carl Friedrich Anton Schmidt (geb. 1802) Konzept und Pläne für die Anstalt in München vor, im Frühjahr 1855 begann man mit der Ausführung. Gudden bedauert im Jahresbericht 1857/58, dass mit der Umgestaltung begonnen wurde, bevor er im Mai 1855 in sein Amt eingeführt worden war. Hierdurch hätten sich einige Fehler eingeschlichen, dennoch zeigte sich der neue Direktor voll des Lobes über den Bau (vgl. Schneider 2003).

Große Aufmerksamkeit widmete Gudden dem weitläufigen Park, der zum großen Teil mit Buchenbeständen und Buschwerk zugewachsen war und der ab 1860 nach einem modifizierten Plan des Gartendirektors Carl Friedrich Thelemann (1811-1889) neu angelegt wurde. Gudden ließ auch, allerdings erst gegen Ende seiner Amtszeit, den heute noch vorhandenen See ausheben und sorgte für freien Blick auf die Südfassade. Insgesamt wurde der im 18. Jahrhundert im französischen Stil konzipierte Park in einen englischen Garten umgewandelt. Für den Krankenhausbetrieb waren die umfangreichen Gemüsegärten wichtig, die westlich und östlich des Schlossgebäudes angelegt wurden. Sie dienten der Arbeitstherapie, auf die großer Wert gelegt wurde. Diese folgte den Prinzipien, die G. Seifert (1862, S. 76) folgendermaßen beschrieb: „Die Irrenheilanstalt ist kein Arbeitshaus, sondern ein Krankenhaus, in welchem die Arbeit als Heilmittel verwendet wird. [...] Der materielle Ertrag steht dem Heilzwecke nach, d. h. es darf nur diejenige Art der Beschäftigung und in derjenigen Weise zur Anwendung kommen, welche dem ersten Zwecke der Anstalt, der Heilung der Kranken, entspricht. Es muß ferner aus moralischen Gründen der Kranke für die geleistete Arbeit pecuniär entschädigt werden.“ Dem gleichen Zweck diente der neue Gutshof am Südende des Parks.

 

Ein Problem lag in den zu großen Räumlichkeiten im Hauptgebäude des Schlosses, die seinerzeit als fürstliche Gemächer geplant worden waren. Die eigentliche Kreis-Irrenanstalt für die „unvermöglichen“ Kranken kam im nördlichen „Vorderbau“ unter, der teilweise aufgestockt wurde und besondere Abteilungen für „Blödsinnige“ und „Tobsüchtige“ beherbergte (Gudden 1858, S. 319). Über die Belegung des Krankenhauses berichtete Gudden im Frühjahr 1858: „Werneck hat nach 2 ½ jährigen Bestehen 137 Kranke. Unter diesen befinden sich zehn Ausländer und 26 nicht dem Kreise angehörige Baiern. Auf Unterfranken kommen somit 101. Von diesen 101 Kranken werden 6 in erster und 8 in zweiter Klasse verpflegt. Von den in dritter Klasse verpflegten 87 Kranken zahlen 52 aus eigenen Mitteln (22–30 Kr. nebst 20 fl. Kleideraversum)“ (Gudden 1858a, S. 608). Somit fanden 35 Patienten unentgeltliche Aufnahme. Behandlung und Unterbringung dieser „armen Irren“ wurde durch einen am 3. Oktober 1855 gegründeten Unterstützungsfond finanziert (Gudden 1858a, S. 606 ff.). Diesem flossen neben Zuwendungen aus Legaten vor allem die Einnahmen aus den Einpfründungen zu. Wie im mittelalterlichen Spitalwesen konnten sich vermögende Patienten auf Lebenszeit in die Einrichtung einkaufen. 1858 hatte der Fond bereits ein Kapital von 45.000 Gulden (Gudden 1858a, S. 606 ff.).

 

Guddens Tätigkeit in Werneck endete im Jahr 1869, sein Nachfolger wurde Max Hubrich (1837-1896). Die Belegungszahlen waren in Werneck seit der Gründung deutlich angestiegen, für 1865 werden 336 Patienten angegeben (Gudden 1865, S. 559). Im letzten Jahr von Guddens Amtszeit hatte die Anstalt wohl die Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit erreicht: acht Pensionäre, 45 „Pfleglinge“ I. Klasse, 44 Patienten II. Klasse, 303 Patienten III. Klasse, insgesamt 400 Insassen (Gudden 1869, S. 20; Bösch 2007, S. 31).

 

Professuren in Zürich und München

Während der vierzehnjährigen Tätigkeit in Werneck hatte Gudden das mit einer Honorarprofessur verbundene Angebot, die oberbayerische Kreis-Irren-Anstalt in München zu übernehmen, abgelehnt (Hunze 2010, S. 115). Als er 1869 einen Ruf an die Universität Zürich als ordentlicher Professor erhielt, ergriff er diese Gelegenheit. Neben der Professur hatte er drei Jahre lang die Leitung des neu erbauten Kantonsspitals Burghölzli inne (Akert 2007, S. 37 ff.), bevor er 1872 als ordentlicher Professor der Psychiatrie an die Medizinische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität nach München wechselte (Steinberg 2007, S. 44 ff.). Dort wurde ihm gleichzeitig das Direktorat der Oberbayerischen Kreis-Irrenanstalt angetragen. Die Universität hätte gerne einen anderen Kandidaten auf dem Lehrstuhl gesehen (nämlich M. Hubrich, 1837-1896) und das Ordinariat abgeschafft (Hunze 2010, S. 149 f). Gudden wurde der Hochschule jedoch durch das Ministerium oktroyiert. Möglicherweise spielte hierfür der Wunsch König Ludwigs II. (1845-1886), einen erfahrenen Praktiker der Psychiatrie in der Residenzstadt zu wissen, die entscheidende Rolle. Schon vor Guddens Eintreffen in München hatte Ludwig II. ihn ersuchen lassen, sich seines gemütskranken Bruders, Prinz Otto (1848-1916), als Patienten anzunehmen (Sarikcioglu 2007, S. 195). 1874 lehnte Gudden einen Ruf an die Universität Leipzig unter der Bedingung ab, dass seine Bezüge erhöht werden (Hunze 2010, S. 141). Im gleichen Jahr wurde er in den nicht erblichen Adelsstand erhoben (Hippius 2007, S. 1).

 

Neuroanatomische Forschung, klinische Praxis und Lehre

Gudden hatte sich bereits 1848 in seiner Dissertation mit Neuroanatomie und Neuropathologie befasst (Danek 2007; Weindl 2007, S. 59 ff.). In seiner Münchner Zeit setzte er auf diesem Gebiet einen Forschungsschwerpunkt und beschrieb drei von ihm neu entdeckte Hirnstrukturen. Neben seiner Dissertation hat Gudden nur eine einzige weitere Monographie publiziert, und zwar zum Thema der Scabies, einer unter psychiatrischen Patienten seinerzeit häufigen parasitologisch-dermatologischen Begleiterkrankung (Hippius 2007, S. 2). Zu erwähnen sind Guddens (z.B. 1870; 1885; 1886) neuroanatomische Aufsatzbeiträge (vgl. dazu Weindl 2007, Danek 2004; Nissl 1895). Sein Schwiegersohn Hubert von Grashey (1839-1914) gab 1889 posthum eine Sammlung heraus, die u.a. 22 Arbeiten zur Neuroanatomie und Neuropathologie samt zahlreichen anatomischen Zeichnungen enthält.

Für die klinische Versorgung hatte Gudden immer wieder nachdrücklich dafür plädiert, die Professur von der Kreis-Irren-Anstalt abzutrennen und stattdessen eine psychiatrische Universitätsklinik als akademisches Krankenhaus zu errichten. Dieses Vorhaben wurde seitens der staatlichen Behörden lange hinausgeschoben und erst 1904 mit der Nervenklinik an der Nußbaumstraße realisiert, deren erster Leiter Guddens Sohn Hans wurde.

Gudden hielt in München ab 1873 regelmäßig Vorlesungen zur Psychiatrischen Klinik ab. Aus seinem Münchner Assistentenkreis gingen mehrere bekannte Psychiater hervor, darunter Anton Bumm (1849-1903), Franz Nissl (1860-1919), Emil Kraepelin (1856-1926) und Auguste Forel (1848-1931).

Im Gegensatz zu seinem Schüler Kraepelin hat Gudden, zumindest in seinen schriftlichen Beiträgen, nicht in die zeitgenössische Diskussion zur Neuordnung der Systematik psychischer Störungen eingegriffen. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag sowohl in Werneck, als auch in Burghölzli und in München in der Organisation eines effizienten und konzeptionell modernisierten Krankenhausbetriebs.

 

Anfeindungen

1874, zwei Jahre nach seiner Bestallung als Leiter der 1859 in der Münchener Vorstadt neu erbauten, ersten Oberbayerischen Kreis-Irrenanstalt, sah sich Gudden einer Kampagne ausgesetzt, welche seitens der Presse  weitreichend ausgenutzt wurde. So fokussierte beispielsweise der Bayerische Landbote in einem nicht signierten Leitartikel (wahrscheinlich aus der Feder von George Morin, 1831-1913), unter dem Datum des 4. Dezember 1874 in der Form der Glosse die – zuvor erfolgte – jährlich stattfindende Visitation der oberbayerischen Landräte in der Kreisirrenanstalt (Anonym 1874, S. 1). Das Blatt kritisierte, Gudden habe widerrechtlich ausländische Patienten gegen Privatliquidation behandelt, wies dem Anstaltsleiter die Schuld zu, dass die Patienten der 3. Klasse „in zu kleinen Sälen elendiglich zusammengepfercht“ seien und dass es eine zu hohe Fluktuation beim unterbezahlten Pflegepersonal gäbe.

Die Vorwürfe sind wohl auch in den Kontext der ab 1870 in ganz Europa anhebenden öffentlichen Kritik des Irrenwesens einzuordnen, sie wurden offenbar von der Regierung als „unhaltbar“ zurückgewiesen (Hunze 2010, S. 142; vgl. dazu Schwoch 2013; Schmuhl 2007). Tatsächlich hatte Gudden bereits bei seinem Amtsantritt eine Überbelegung angetroffen (die ihrerseits wiederum die Fluktuation beim Pflegepersonal förderte), und hatte von Anfang an für die Vergrößerung der Anstalt plädiert. Erst nach dem Abebben der Kampagne konnte er den Kreis bewegen, weitere Mittel für Erweiterungsbauten bereitzustellen, allerdings nicht ohne dabei weiterhin von einzelnen Exponenten der Politik Kritik zu erfahren (Steinberg 2005, S. 46).

 

Gudden und Ludwig II. – Tod im Starnberger See

Eine heute noch kontrovers diskutierte Rolle spielte Gudden, als Prinz Luitpold (1821-1912) und der bayerische Ministerrat am 7. Juni 1886 von ihm und drei weiteren beigeordneten Psychiatern ein Gutachten über den Geisteszustand von Ludwig II. anforderten. Am 8. Juni wurde Ludwig II. durch v. Gudden, seinen Schwiegersohn und Nachfolger in Werneck Hubert von Grashey, dessen Nachfolger Max Hubrich (1836-1897) sowie Friedrich Wilhelm Hagen (1814-1888) für „geistesgestört“ und „unheilbar“ erklärt und am 9. Juni entmündigt. Max Joseph Schleiß von Löwenfeld (1809-1897), der Leibarzt des Königs, der eine geistige Störung bei Ludwig II. bezweifelte, wurde zu diesem Gutachten, das im Kern die Diagnose „Paranoia“ enthielt, nicht herangezogen. Insbesondere wurde und wird kritisch angemerkt, dass die Gutachter den Patienten nicht persönlich untersuchten, sondern im Sinne einer „Ferndiagnose“ handelten (vgl. Häfner 2008). Eine solche Untersuchung hätte die Zustimmung des Monarchen erfordert, „die mit Sicherheit nicht zu gewinnen war“ (Zerssen 2010, S. 1372). Auch die Feststellung, dass Gudden mit Ludwig II. vor allem im Zusammenhang mit der Behandlung dessen Bruders Otto näher bekannt war, wird an der Berechtigung dieser Kritik nichts ändern können. Es bleibt die Frage, ob sich bei der Entmündigung Ludwigs II. die Psychiatrie als „verlängerter Arm der Staatsmacht“ missbrauchen ließ (vgl. Immler 2011).

 

Nach der Verbringung Ludwigs II. in das als „geschlossene Anstalt“ hergerichtete, wittelsbachische Schloss Berg am Starnberger See unternahmen Gudden und sein Patient am 13. Juni 1886 einen Abendspaziergang, von dem sie nicht zurückkehrten. Die Leichen beider wurden noch in der Nacht im See in Ufernähe aufgefunden. Der bayerische Oberstaatsanwalt im Ruhestand, Wilhelm Wöbking, hat 1986 die Umstände des Todes von Ludwig II. und Guddens – mit Erlaubnis des Hauses Wittelsbach – im Münchener Geheimen Hausarchiv neu untersucht. Er konnte in seiner Publikation etliche Legenden widerlegen, die auf der Basis der bis heute unvollständig aufgeklärten Umstände entstanden (s. hierzu auch Häfner 2008, der die Darstellung Wöbkings unterstützt). Als wahrscheinlichstes Szenario ergibt sich hiernach, dass der alternde Gudden beim Versuch, Ludwig II. von der Selbsttötung abzuhalten, von dem körperlich weit überlegenen, über 1,90 Meter großen Einundvierzigjährigen überwältigt wurde. Auf Guddens Anordnung hin hatte man auf die beabsichtige Eskortierung der Spaziergänger durch zwei Pfleger verzichtet. Allerdings würde ein solches Szenario auch beinhalten, dass Gudden mit der Fehleinschätzung der Suizidalität des Wittelsbachers ein diagnostischer Fehler unterlaufen wäre.

 

Literatur

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Quellen Zusatzmaterial

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Nr. 2: Aus Gudden (1848).

Nr. 3: Kreis-Irrenantsalt Werneck vor dem 1. Weltkrieg, gelaufene Postkarte; Sammlung Verfasser.

Nr. 4:  Ehemalige Oberbayerische Kreisirrenanstalt, ca. 1919; Stadtarchiv München.

Nr. 5: Foto v. Joseph Albers / Quelle: Wikimedia / public domain.

 

Foto: Ortsmuseum Zollikon / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Wolfgang Bühling, Annette Baum

 

Zitierweise
Wolfgang Bühling, Annette Baum (2017): Gudden, Johann Bernhard Aloys von.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/265-gudden-johann-bernhard-aloys-von
(Stand vom:11.12.2018)