Bonhoeffer, Karl Ludwig
Nachname:
Bonhoeffer
Vorname:
Karl Ludwig
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Neurologie
Psychiatrie
Geburtsort:
Neresheim (DEU)
* 31.01.1868
† 04.12.1948
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Neuropathologisch orientierter Neurologe und Psychiater.

 

Karl Ludwig Bonhoeffer (1868-1948) wurde in Neresheim im damaligen Königreich Württemberg als Sohn eines Richters geboren. Seine Kindheit verbrachte Bonhoeffer in Heilbronn und Ravensburg. Die Oberschulreife absolvierte er in Tübingen, begann dort 1886 das Medizinstudium und setzte es in Berlin und München bis 1892 fort. Seine erste Assistentenstelle trat er bei Carl Wernicke am Universitätsklinikum Breslau an. Dort habilitierte er sich und übernahm 1897 die Leitung einer forensischen Abteilung. 1903 folgte er seinem ersten Ruf nach Königsberg, im Jahr darauf übernahm er kurzzeitig die Leitung des Lehrstuhls für Psychiatrie in Heidelberg in der Nachfolge von Emil Kraepelin. Vermutlich weil Bonhoeffer den neuropathologischen Ansätzen Wernickes näher stand als der in Kraepelins Tradition stehenden Heidelberger Psychiatrie (Schott & Tölle 2006, S. 227), entschied er sich 1904, die Leitung der bislang von Wernicke geführten Breslauer Klinik zu übernehmen. 1912 wechselte er auf das Ordinariat für Psychiatrie an der Berliner Charité, das er bis zur Emeritierung 1938 innehatte. Bonhoeffer und seine Frau Paula (geb. von Hase) hatten acht Kinder; zwei seiner Söhne, Dietrich und Klaus, wurden als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime von den Nationalsozialisten verurteilt und hingerichtet. Karl Ludwig Bonhoeffer starb am 4. Dezember 1948 in Berlin.

 

Exogene Reaktionstypen

Bonhoeffers Modell der „exogenen Reaktionstypen” gilt als bedeutsamer Beitrag zur psychiatrischen Störungslehre: Sein Lehrer Carl Wernicke hatte den konkreten Schädigungen bestimmter Hirnareale noch jeweils spezifische Symptome zugeordnet, Bonhoeffer (1910, S. 123) schloss demgegenüber, dass „der Mannigfaltigkeit der Grunderkrankungen [...] eine große Gleichförmigkeit der psychischen Bilder gegenüber [steht]. Es ergibt sich die Auffassung, daß wir es mit typischen psychischen Reaktionsformen zu tun haben, die von der speziellen Form der Noxe sich verhältnismäßig unabhängig zeigen.” Beispiele für solche „psychischen Bilder” bzw. Reaktionstypen seien Delir, Demenz oder das amnestische Syndrom. Die diagnostische Relevanz des „Reaktionstyps“ gilt im Bereich der psychoorganischen Syndrome bis heute.

 

Position im Nationalsozialismus

Dirk Blasius (1994, S. 127) zählt Bonhoeffer „zu den Zentralgestalten der wissenschaftlichen Psychiatrie, die während des ‘Dritten Reiches’ in die Niederungen der Zeitgeschichte hineingezogen wurden”. Thomas Beddies (2010, S. 280) nennt ihn „Mittäter und Wegbereiter” der NS-Gesundheitspolitik und verweist damit unter anderem auf Bonhoeffers Auslegung des 1934 in Kraft getretenen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN) und seine Befürwortung von Sterilisationen. Bonhoeffer gab Kurse zur Durchführung des Gesetzes und war Erbgesundheitsobergutachter, andererseits soll er für vorsichtige Indikationsstellungen plädiert haben, was Helmchen (2014, S. 80) zu dem Schluss bringt, „dass seine Gutachten häufiger als sonst etlichen Kranken die Sterilisation ersparten, aber sie anderen Kranken eben doch auch zumuteten”.

 

Umstritten ist das von Bonhoeffer mit Jörg Zutt (1934) verfasste Gutachten über Marinus van der Lubbe, der beschuldigt wurde, den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 verursacht zu haben. Obgleich unabhängige Gutachter eine psychische Störung bzw. Drogeneinfluss nahelegten, hielten Bonhoeffer und Zutt den Angeklagten für zurechnungsfähig zum Zeitpunkt der Tat sowie für verhandlungsfähig (vgl. Pfäfflin 2008, Gerrens 1991, Bahar & Kugel 2001, S. 485 f.).

 

Die posthum erschienene Schrift Bonhoeffers Führerpersönlichkeit und Massenwahn (1947) ist eine kulturpessimistische Untersuchung der faschistischen Ideologie und kann als eine selbstkritische Aufarbeitung seiner Erfahrungen in den dreißiger Jahren angesehen werden.

 

Literatur

Bahar, A., W. Kugel (2001): Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. Berlin: Edition q.

Beddies, T. (2010): Zwangssterilisation und „Euthanasie”. Die Psychiatrische und Nervenklinik der Charité unter Karl Bonhoeffer und Maximilian de Crinis. In: H. Helmchen (Hg.): Psychiater und Zeitgeist. Zur Geschichte der Psychiatrie in Berlin. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 275-287.

Blasius, D. (1994): Einfache Seelenstörung. Geschichte der deutschen Psychiatrie 1800-1945. Frankfurt am Main: Fischer.

Bonhoeffer, K. (1900): Ein Beitrag zur Kenntnis des großstädtischen Bettel- und Vagabondentums. Eine psychiatrische Untersuchung. In: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 21, (1), S. 1-65.

Bonhoeffer, K. (1901): Die akuten Geisteskrankheiten der Gewohnheitstrinker. Jena: Fischer.

Bonhoeffer, K. (1908): Zur Frage der Klassifikation der symptomatischen Psychosen. In: Berliner Klinische Wochenschrift 45, (51), S. 2257-2260.

Bonhoeffer, K. (1909): Zur Frage der exogenen Psychosen. In: Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 32, S. 499-505.

Bonhoeffer, K. (1910): Die symptomatischen Psychosen im Gefolge von akuten Infektionen und Inneren Erkrankungen. Leipzig, Wien: Deuticke.

Bonhoeffer, K. (1917): Die exogenen Reaktionstypen. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 58, (1), S. 58-70.

Bonhoeffer, K., K. Albrecht (1934, Hg.): Die psychiatrischen Aufgaben bei der Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Mit einem Anhang, Die Technik der Unfruchtbarmachung. Klinische Vorträge mit erbbiologischem Kurs. Berlin: Karger.

Bonhoeffer, K., J. Zutt (1934): Über den Geisteszustand des Reichstagsbrandstifters Marinus van der Lubbe. In: Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie 89, (4), S. 185-213.

Bonhoeffer, K., K. Albrecht (1936): Die Erbkrankheiten. Vorträge im 2. erbbiologischen Kurs. Berlin: Karger.

Bonhoeffer, K. (1940): Die Geschichte der Psychiatrie in der Charité im 19. Jahrhundert. In: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie 168, (1), S. 37-64.

Bonhoeffer, K. (1947): Führerpersönlichkeit und Massenwahn. Manuskript aus dem Jahre 1947. In: J. Zutt, , E. Straus, H. Scheller (Hg.): Karl Bonhoeffer zum 100. Geburtstag. Berlin: Springer 1969, S. 108-114.

Bonhoeffer, K. (1941): Lebenserinnerungen. Geschrieben für die Familie. In: J. Zutt, , E. Straus, H. Scheller (Hg.): Karl Bonhoeffer zum 100. Geburtstag. Berlin: Springer 1969, S. 8-107.

Bürgy, M. (2009): Zur Geschichte und Phänomenologie des Psychose-Begriffs. Eine Heidelberger Perspektive (1913-2008). In: Der Nervenarzt 80, (5), S. 584-592.

Gerrens, U. (1991): Zum Karl-Bonhoeffer-Gutachten vom 30. März 1933 im Reichstagsbrandprozess. In: D. Unverhau (Hg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart, S. 45-116.

Gerrens, U. (2005): Medizinisches Ethos und theologische Ethik: Karl und Dietrich Bonhoeffer in der Auseinandersetzung um Zwangssterilisation und “Euthanasie” im Nationalsozialismus. München: Oldenbourg.

Gestrich, C., J. Neugebauer (2006, Hg.): Der Wert menschlichen Lebens: Medizinische Ethik bei Dietrich Bonhoeffer und Karl Bonhoeffer. Berlin: Wichern.

Helmchen, H. (2014): Bonhoeffers Position zur Sterilisation psychisch Kranker. In: Der Nervenarzt 86, (1), S. 77-82.

Scheller, H. (1968): Karl Bonhoeffer, 1868 - 1948. In: Archiv für Psychiatrie und Zeitschrift für die gesamte Neurologie 211, S. 234-240.

Pfäfflin, F. (2008): Zur Aufhebung des Todesurteils gegen den Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe. In: Recht & Psychiatrie 26, S. 106-118.

Neumärker, K.-J. (2001): Bonhoeffer und seine Schüler. In: R. Holdorff, B. Wienau (Hg.): Geschichte der Neurologie in Berlin. Berlin, New York: de Gruyter, S. 175-193.                                                           

Schott, H., R. Tölle (2006): Geschichte der Psychiatrie. München: Beck.

 

Julian Schwarz

 

Foto: Anonym / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain]. 

 

Zitierweise
Julian Schwarz (2015): Bonhoeffer, Karl Ludwig.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/155-bonhoeffer-karl-ludwi
(Stand vom:11.12.2018)