Strindberg, Johann August
Nachname:
Strindberg
Vorname:
Johann August
Epoche:
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Kunst
Geburtsort:
Stockholm (SWE)
* 22.01.1849
† 14.05.1912
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Schwedischer Dichter.

 

August Strindberg (1849-1912) wurde in Stockholm als Sohn eines mittelständischen Schiffsverwalters geboren. Im Alter von 13 Jahren verlor er seine Mutter, das Verhältnis zum Vater blieb schwierig. Nach dem Abitur 1867 brach er 1869 ein Medizinstudium sowie 1870 eine Schauspielausbildung ab, begann das Schreiben und arbeitete als Journalist und Bibliothekar. Nach der Heirat mit Siri von Essen, mit der er drei Kinder bekam, debütierte er 1879 erfolgreich mit dem Roman Röda rummet (Das rote Zimmer). Nach weiteren sozial- und kirchenkritischen Werken emigrierte das Paar 1883 nach Frankreich, die Ehe scheiterte 1891, wie die beiden späteren Ehen auch. Strindberg lebte in der Schweiz, Deutschland und Dänemark und wurde mit Dramen wie Fadren (1887, Der Vater) und Fröken Julie (1889, Fräulein Julie) bekannt, aber auch für seine Frauenfeindlichkeit. 1893 heiratete er die zwanzigjährige Maria Friederike Uhl, das Paar trennte sich jedoch trotz der Geburt der Tochter Kerstin ein Jahr später.

 

Die Infernokrise

Strindberg zog von Berlin nach Paris, dort setzte um 1895 eine existentielle Krise ein, die er 1897 in der Erzählung Inferno auf der Grundlage seiner Okkulten Tagebücher (Ockulta dagboken, 1963) verarbeitete. Ab Herbst 1894 habe er in der Pariser Bohème verkehrt und begonnen, sich mit alchimistischen Experimenten zu beschäftigen. Die eigentliche Infernokrise setzte ab Februar 1896 im Hotel Orfila ein (s. Brückner 2007, S. 203 ff.). Er habe begonnen, unbestimmte metaphysische Kräfte wahrzunehmen, Zimmernachbarn hätten ihn verfolgt, ein „magnetisches Fluidum“ aus einer „Elektrisiermaschine“ habe ihn kontrolliert, wie er  literarisch überformt  berichtete: „Da durchläuft meinen Körper ein beunruhigendes Gefühl: ich bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden benachbarten Zimmern hin und her geht. Die Spannung wächst, und trotz meines Widerstandes halte ich es im Bett nicht mehr aus, nur von einem Gedanken besessen: ‚Man mordet mich! Ich will mich nicht morden lassen!‘ Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Loge am Ende des Korridors zu sehen, aber ach, er ist nicht da. Man hat ihn also entfernt, beiseite gebracht, er ist stillschweigender Komplize, und ich bin verraten!“ (1897, VI, S. 102 f.). Nach sechs Monaten floh Strindberg Ende Juli 1896 in das südschwedische Lund. Dort konsultierte er Ärzte, die unter anderem Paranoia" vermuteten. Und er begann die poetische Verarbeitung, in der er das Eingeständnis seines Scheiterns betonte ebenso wie naturphilosophische, alchimistische, magische und mesmeristische Deutungen samt einem „unerschütterlichen“ Glauben an Swedenborgs spiritistische Theologie.

 

Interpretationen und Spätwerk

Die von Strindberg dezidiert als autobiographisch bezeichnete Erzählung ist vielfach interpretiert worden, etwa als Fall einer paranoiden Wahnentwicklung (Binswanger 1965, S. 170-211, Lidz 1964, Jaspers 1922), als fiktionale Überhöhung, als frühexpressionistisches Werk oder als religiöse Konversionsliteratur (Falgas-Ravry 2011, Stounbjerg 1999, Schütze 1990). Peter Weiss wies 1962 nachdrücklich jede Pathologisierung der in Inferno dargestellten subjektiven Erfahrungen zurück.

 

Nach 1897 erholte Strindberg sich, er schuf ein reiches Spätwerk als einer der bedeutendsten schwedischen Dichter (Faust 1987, S. 221; Carlson 1996). 1899 kehrte er nach Schweden zurück, heiratete seine dritte Frau Harriet Bosse, gründete das Intime Theater in Stockholm und äußerte sich als Sozialdemokrat zu politischen Fragen. Er starb 1912 im Alter von 63 Jahren.

 

Literatur

Binswanger, L. (1965): Wahn. Beiträge zu seiner phänomenologischen und daseinsanalytischen Erforschung. Pfullingen: Neske.

Brandell, G. (1950): Strindbergs Infernokris. Stockholm: Bonniers.

Brückner, B. (2007): Delirium und Wahn. Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. Bd. 2. Das 19. Jahrhundert – Deutschland. (Schriften zur Wissenschaftsgeschichte Bd. XXIV). Hürtgenwald: Guido Pressler Verlag.

Burnham, D. L. (1973): Restitutional Functions of Symbol and Myth in Strindberg's Inferno. In: Psychiatry – Interpersonal and Biological Processes 36, (3), S. 229-243.

Carlson, H. G. (1996): Out of inferno. Strindberg's reawakening as an artist. Washington: University of Washington Press.

Falgas-Ravry, C. A. (2011): The Riddle of Inferno: Strindberg, Madness, and the Problem of Interpretation. In: Modern Language Review 106, (4), S. 988-1000.

Faust, H. (1987): Die Hölle wörtlich. In: A. Strindberg: Inferno. Frankfurt am Main: Basis, S. 186-221.

Grewe, C. V. (1984): August Strindberg und die Chemie. In: Sudhoffs Archiv 68, (1), S. 21-42.

Jaspers, K. (1922): Strindberg und van Gogh. Versuch einer pathographischen Analyse unter vergleichender Analyse von Swedenborg und Hölderlin. Leipzig: Bircher.

Lidz, T. (1964): August Strindberg – Eine Untersuchung über die Beziehung zwischen seiner Schöpferkraft und seiner Schizophrenie. In: A. Mitscherlich (Hg.): Psycho-Pathographien I – Schriftsteller und Psychoanalyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982, S. 53-70.

Marcuse, L. (1922): Strindberg. Das Leben der tragischen Seele. Berlin: Schneider.

Robinson, M. (2009, Hg.): The Cambridge Companion to August Strindberg. Cambridge: University Press.

Schütze, P. (1990): August Strindberg. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg: Rowohlt.

Storch, A. (1921): August Strindberg im Lichte seiner Selbstbiographie. Eine psychopathologische Persönlichkeitsanalyse. München, Wiesbaden: Bergmann.

Stounbjerg, P. (1999): A Modernist Hell. On August Strindbergs’s Inferno. In: Scandinavica 38, (1), S. 35-59.

Strindberg, A. (1893): Plaidoyer d’un fou. Paris: Langen 1895.

Strindberg, A. (1897): Inferno. Stockholm: Gernandt. [Dtsch. A. Strindberg: Inferno. Frankfurt am Main: Basis 1987].

Strindberg, A. (1908-1923): Strindbergs Werke. Deutsche Gesamtausgabe. München: Müller.

Strindberg, A. (1963): Okkultes Tagebuch. Die Ehe mit Harriet Bosse. Hamburg: Claassen 1964.

Strindberg, A. (1981-2013): August Strindbergs Samlade Verk. Stockholm: Almqvist & Wisell.

Strindberg, A. (1897): Inferno from an Occult Diary. London: Penguin 1979.

Strindberg, F. (1933/34): Liebe, Leid und Zeit. Eine unvergessliche Ehe. Hamburg, Leipzig: Goverts 1936.

Weiss, P. (1962): Gegen die Gesetze der Normalität. In: R. v. Bleibtreu (Hg.): August Strindberg – Ich dichte nie. Hamburg: Rogner und Bernhard 1999, S. 15-23.

 

Burkhart Brückner

 

Foto: Hulton-Deutsch Collection / Corbis / Scanpix. Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain]. 

 

Zitierweise
Burkhart Brückner (2015): Strindberg, Johann August.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/145-strindberg-johan-august
(Stand vom:11.12.2018)