Bouhler, Philipp
Nachname:
Bouhler
Vorname:
Philipp
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Politik
Verwaltung
Sonstige
Geburtsort:
München (DEU)
* 11.09.1899
† 19.05.1945
Biographie drucken

Zentraler Akteur der NS-Patiententötungen, nationalsozialistischer Politiker und Publizist.

 

Früher Lebensweg

Philipp Bouhler (1899-1945) wurde in München als Sohn einer Soldatenfamilie geboren. Sein Vater, Emil Bouhler, war Oberst der bayerischen Armee und leitete von 1917 bis 1918 das bayerische Kriegsamt. Von 1909 bis 1912 besuchte Bouhler das Maximiliansgymnasium in München. Nach dem Abitur kam er 1912 in das Bayerische Kadettenkorps und ab dem 6. Juli 1916 als Fahnenjunker in das 1. Bayerische Fußartillerie-Regiment (Ebbinghaus & Roth 2000, S. 82; (1) Bayer. HStA). Bereits ein Jahr später wurde er im Juli 1917 zum Leutnant befördert. Am 8. August 1917 wurde Bouhler bei Arras in Frankreich verschüttet und schwer verwundet, was 1918 aufgrund einer bleibenden Gehbehinderung zur Entlassung aus dem Heer führte. 1919 war er kurzzeitig Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes und studierte bis 1920 Philosophie und Germanistik an der Universität München. Das Studium brach er nach vier Semestern ab. 1921 arbeitete er vorübergehend in dem völkisch ausgerichteten Verlag J. F. Lehmanns und volontierte im Verlag des Völkischen Beobachter. Ab 1928 arbeitete er zudem als Schriftführer für die Nationalsozialistische Gesellschaft für Deutsche Kultur (NGDK) (vgl. Lilla 2014; Tümmler 2010; Schmuhl 1999; Barbian 1995, S. 56).

 

Nationalsozialistische Karriere

Im Herbst 1922 wurde Bouhler Mitglied und stellvertretender Geschäftsführer der NSDAP. Er nahm zwar 1922 am Hitlerputsch teil und wurde 1924 wegen Hochverrats angeklagt, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Am 27. März 1925 stieg Bouhler bei der Neugründung der NSDAP (Partei-Nr. 12) zum Reichsgeschäftsführer der Partei auf. Ab März 1933 ernannte man ihn zum Mitglied des Reichstags sowie zum NSDAP-Reichsleiter (Ebbinghaus & Roth 2000, S. 82). Im gleichen Monat wurde er SS-Gruppenführer und am 2. Juni SS-Reichsleiter, womit er direkt Hitler unterstellt war (SS-Personalkanzlei 1937, S. 8, Nr. 13). Nach dem 30. August 1934, als Bouhler zum Vorsitzenden der Parteiamtlichen Prüfungskommission und zum Präsidenten der Polizeidirektion in München ernannt worden war, wurde er am 17. November 1934 zum Chef der Kanzlei des Führers berufen und zum SS-Obergruppenführer ernannt (Lilla 2014). Bouhler war hauptsächlich für den „Schutz des nationalsozialistischen Schrifttums“ und für Gnadengesuche zuständig (vgl. Barbian 1995; Prodöhl 2011, S. 115 ff.).

 

Seine bekanntesten Werke verfasste Bouhler zwischen 1935 und 1942. Zu ihnen gehören die Schriften der Bewegung, die er 1935 zusammentrug, eine Nationalsozialistische Bibliographie (1936) sowie eine Biographie Hitlers (1938), seine Schriften zur Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung (1939) sowie die Biographie Napoleon. Kometenbahn eines Genies von 1941.

 

Hitlers „Euthanasiebefehl“ und „Ermächtigungsschreiben“

Bouhlers Bedeutung für die Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus ergab sich zwischen dem 19. und 25. September 1939, nachdem Hitler juristische und medizinische Berater zusammenrief, um Weisungen zu der „Aktion T4“ einzuleiten (benannt nach der geheimen organisatorischen Zentrale in der Berliner Tiergartenstr. 4). In deren Rahmen wurden 1940/1941 etwa 70.000 Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten und Heilerziehungsheimen systematisch getötet (vgl. Burkhardt 2015, S. 90 ff.; Noakes 1986, S. 227). Der geheime „Euthanasiebefehl“ wurde von Hitler persönlich per Erlass auf den 1. September 1939 rückdatiert (vgl. Gruchmann 1988, S. 502; Moll 1997, S.89). Hitler ermächtigte damit seinen Begleitarzt Karl Brandt (1904-1948) und Philipp Bouhler, die Durchführung des Programms umzusetzen (Wojak 2009, S. 378): „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ (vgl. Longerich 2001, S. 73 f.; Götz 1989, S. 56). Nach diesem Schreiben unterzeichneten Bouhler und Brandt die Richtlinien zur Ermordung von Anstaltsinsassen und Heimbewohnern (Klee 2004, S. 323 u. 328). Auch Leonardo Conti (1900-1945) und Viktor Brack (1904-1948), Bouhlers Stellvertreter, waren als „Euthanasie“-Beauftragte Schlüsselfiguren der „Aktion T4“, die unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Psychiater Paul Nitsche ein geeignetes Tötungsmittel suchen sollten und die streng geheime „Aktion“ organisierten (Fröhlich 1998, S. 119; zu Nitsche siehe Böhm 2012).

 

Erst am 27. August 1940 erhielt der Reichsjustizminister Franz Gürtner Kenntnis von Hitlers schriftlicher Bewilligung der Patientenmorde (Longerich 2001, S. 73 f.; Götz 1989, S. 56). Am 5. September 1940 erklärte Bouhler gegenüber Gürtner schriftlich: „Auf Grund der Vollmacht des Führers habe ich als der für die Durchführung der zu treffenden Maßnahmen allein Verantwortliche die mir notwendig erscheinenden Anweisungen an meine Mitarbeiter gegeben. Darüber hinaus erscheint mir der Erlaß besonderer, schriftlich zu fixierender Ausführungsbestimmungen nicht mehr erforderlich“ (Vormbaum 2005, S. 305). Hitler ließ zwar die „Aktion T4“ nach Protesten insbesondere aus dem kirchlichen Umfeld offiziell einstellen, doch die Morde wurden anschließend durch Unterernährung und Überdosierung von Medikamenten systematisch fortgesetzt („Aktion 14f13“), was noch weitaus mehr Opfer als die „Aktion T4“ forderte (vgl. Aly 1989, S. 90 u. 114; Schmuhl 2016, S. 289 f.). Mit der Durchführung der „Aktion 14f13“ beauftragte Bouhler den Oberdienstleiter des Hauptamtes II in der Kanzlei des Führers Viktor Brack.

 

Ab 1942 sank Bouhlers Einfluss, da seine Dienststelle Kompetenzen an die Parteikanzlei unter M. Bormann abgeben musste (Himmler & Heiber 1968, Dokument 198). Gegen Kriegsende suchte Bouhler Anschluss an Hermann Göring, in dessen Gefolge er am 23. April 1945 auf Befehl Hitlers von SS-Truppen gefangen genommen, aber bereits am 1. Mai 1945 nach dem Tod Hitlers wieder frei gelassen wurde. Ein paar Tage später, wurde er von US-Truppen auf Schloss Fischhorn verhaftet. Vor der Einlieferung in das Internierungslager Dachau beging Bouhler Suizid mit Zyankali (Burkhardt 2015, S. 37; Lilla 2014).

 

Auszeichnungen

1914: Eisernes Kreuz, Kl. II.

1918: Verwundetenabzeichen in Schwarz.

Bayrischer Militärverdienstorden, 4. Klasse

Ehrenwinkel der Alten Kämpfer.

Ehrenkreuz für Fronkämpfer.

1938: Goldenes Abzeichen der HJ.

Diebstauszeichnung der NSDAP in Bronze, Silber und Gold.

1939: Kriegsverdienstkreuz II. und I. Klasse.

Ehrendegen des Reichsführers-SS.

SS-Totenkopf.

 

Literatur

Aly, G. (2013): Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945 – Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankfurt am Main: Fischer.

Aly, G. (1989, Hg.): Aktion T4; 1939-1945. Die "Euthanasie"-Zentrale in der Tiergartenstraße 4. Berlin: Hentrich.

Barbian, J. P. (1995): Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung.

Böhm, B. (2012): Paul Nitsche – Reformpsychiater und Hauptakteur der NS-„Euthanasie“. In: Der Nervenarzt 83, (3), S. 293-302.

Bouhler, P. (1935,Hg.): Schriften der Bewegung. München: Zentralverlag der N.S.D.A.P.

Bouhler, P. (1936, Hg.): Nationalsozialistische Bibliographie. (Monatshefte der parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums, H. 1-10). Berlin: Zentralverlag der NSDAP.

Bouhler, P. (1938): Adolf Hitler. Biographia. Berlin: Terramare.

Bouhler, P. (1939, Hg.): Schriften zur Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung. Hamburg: Hanseatische Verlags-Anstalt.

Bouhler, P. (1941): Adolf Hitler. Das Werden einer Volksbewegung. Lübeck: Coleman.

Bouhler, P. (1941): Napoleon. Kometenbahn eines Genies. Mit 18 Bildern. München: Callwey

Bouhler, P. (1942): Kampf um Deutschland. Ein Lesebuch für die deutsche Jugend. Berlin: Eher.

Bouhler, P. (1942a, Hg.): Der großdeutsche Freikampf. Reden Adolf Hitlers. Band 3. München: Zentralverlag der NSDAP.

Eberle, H. (2007, Hg.): Briefe an Hitler. Ein Volk schreibt seinem Führer. Unbekannte Dokumente aus Moskauer Archiven. Bergisch Gladbach: Lübbe.

Ebbinghaus, A., K. H. Roth (2000): Bouhler, Philipp. In: K. Dörner (Hg.): Der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47. Wortprotokolle, Anklage- und Verteidigungsmaterial, Quellen zum Umfeld. Erschließungsband der Mikrofiche-Edition. München: K. G. Saur, S. 82-83.

Fröhlich, E. (1998, Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands. Teil 1, Bd. 9. München: K. G. Sauer.

Gruchmann, L. (1988): Justiz im Dritten Reich 1933 – 1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner. München: Oldenbourg.

Himmler, H., H. Heiber (1968): Reichsführer! ...Briefe von und an Himmler. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt.

Klee, E. (2010): „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung  lebensunwerten Lebens“. Frankfurt am Main: Fischer.

Klee, E. (2005): Der Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main: Fischer.

Klee, E. (2004): „Euthanasie“ im NS-Staat. 11. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer.

Lilla, J. (2014): Bouhler, Philipp. In: J. Lilla: Staatsminister, leitende Verwaltungsbeamte und (NS-) Funktionsträger in Bayern 1918 bis 1945, (Online-Ressource). URL: http://verwaltungshandbuch.bayerische-landesbibliothek-online.de/bouhler-philipp (Zugriff am 3. 9. 2016).

Longerich, P. (2001): Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung“. München: Piper.

Moll, M. (1997): "Führer-Erlasse", 1939-1945. Edition sämtlicher überlieferter, nicht im Reichsgesetzblatt abgedruckter, von Hitler während des Zweiten Weltkrieges schriftlich erteilter Direktiven aus dem Bereichen Staat, Partei, Wirtschaft, Besatzungspolitik und Militärverwaltung. Stuttgart : Franz Steiner Verlag.

Noakes, J. (1986): Philipp Bouhler und die Kanzlei des Führers der NSDAP. Beispiel einer Sonderverwaltung im Dritten Reich. In: D. Rebentisch, K. Teppe (Hg.): Verwaltung contra Menschenführung im Staat Hitlers. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, S. 208-236.

Prodöhl, I. (2011): Die Politik des Wissens. Allgemeine deutsche Enzyklopädien zwischen 1928 und 1956. Berlin: Akademie Verlag.

Roer, D., D. Henkel (2012): Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945. Frankfurt am Main: Mabuse.

Schmuhl, H.-W.(1999): Philipp Bouhler. Ein Vorreiter des Massenmordes. In: R. Smelser, E. Syring, R. Zitelmann (Hg.): Die braune Elite II. 21 weitere biographische Skizzen. Darmstadt: wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 39-50.

Schmuhl, H. W. (2016): Die Gesellschaft Deutsche Neurologen und Psychiater im Nationalsozialismus. Berlin: Springer.

Siemen, H.-L. (2012): Psychiatrie im Nationalsozialismus. In: M. von Cranach, H.-L. Siemen (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. München: Oldenbourg, S. 15-34.

Schneider, F., P. Lutz (2014): erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus. Berlin: Springer.

SS-Personalkanzlei (1937): Dienstaltersliste der Schutzstaffel der NSDAP. Stand vom 1. Dezember 1937. Berlin: Reichsdruckerei.

Tümmler, H. (2010): Philipp Bouhler. In: H. Tümmler: Hitlers Deutschland: Die Mächtigen des Dritten Reiches. Wolfenbüttel, Melchior, S. 117-118.

Vormbaum, T. (2005, Hg.): „Euthanasie“ vor Gericht. Die Anklageschrift des Generalstaatsanwalts beim OLG Frankfurt/M. gegen Dr. Werner Heyde u. a. vom 22. Mai 1962. Berlin: Wissenschafts-Verlag.

Wendt, B.J. (2000): Das Nationalsozialistische Deutschland. Opladen: Leske + Budrich.

Wojak, I. (2009): Fritz Bauer: 1903 – 1968. Eine Biographie. München: Beck.

 

Quellen

(1) BHStA, Bayerisches Hauptstaatsarchiv (Abt. IV, Kriegsarchiv 1914/18): Kriegsstammrollen 1914-1918; Bd.: 15458, Kriegsstammrolle IV, Ersatztruppenteile Fußartillerie-Regimenter, I. Ersatz-Bataillon, II. mob. Ers.-Btl., II. Fußart. Reg. (Metz), Nr. 1301.

 

Jessica Thönnissen, Ansgar Fabri, Burkhart Brückner

 

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1983-094-01 / Quelle: Wikimedia / Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Zitierweise
Ansgar Fabri (2015): Bouhler, Philipp.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/122-bouhler-philipp
(Stand vom:11.12.2018)