Nachname:
Nitsche
Vorname:
Hermann Paul
Epoche:
19. Jahrhundert
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Psychiatrie
Geburtsort:
Colditz (DE)
* 25.11.1876
† 25.03.1948
Biographie drucken

Deutscher Psychiater, medizinischer Leiter der „Aktion T4“

 

Hermann Paul Nitsche (1876-1948) wurde im sächsischen Colditz als Sohn eines Psychiaters geboren. Die Volksschule und das Gymnasium besuchte er in Pirna und Dresden, bevor er von 1896 bis 1901 in Leipzig, Berlin und Göttingen Medizin studierte. Als Assistenzarzt arbeitete er u. a. in der städtischen Irrenanstalt in Frankfurt am Main, der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg und unter Leitung von Emil Kraepelin in München. 1907 ging Nitsche als Oberarzt an die Städtische Heil- und Pflegeanstalt Dresden, bevor er 1913 stellvertretender Direktor der Landesanstalt Pirna-Sonnenstein wurde. Fünf Jahre später übernahm er die Leitung der Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen. Angesichts der wirtschaftlich prekären Lage nach dem Ersten Weltkrieg führte er kostensparende und sozial aktivierende Reformen ein, so die Arbeitstherapie nach Simon oder das Prinzip der ambulanten „offenen Fürsorge“ (Müller 2006). Für seine Leistungen verlieh ihm die sächsische Regierung 1925 den Professorentitel. 1928 kehrte Nitsche nach Pirna-Sonnenstein als Direktor zurück, wo er noch vor dem 1934 rechtskräftigen Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses Sterilisationen an vermeintlich „erblich belasteten” Patienten durchführte (Böhm 2012, S. 296). Als es 1939 zur Auflösung der Anstalt kam, übernahm er wiederum die Leitung in Dösen.

 

Organisator der Patiententötungen

Ab 1. Mai 1940 wurde Nitsche von der Anstaltsleitung beurlaubt, um im Auftrag der Reichsleitung die Patiententötungen im Rahmen der sog. „Aktion T4“ vorzubereiten. In Leipzig-Dösen führte er Tötungsexperimente mit einer Überdosis des Beruhigungsmittels Luminal durch, woraufhin mindestens 60 seiner Patienten starben. Die auf diesem Wege erprobte medikamentöse Tötung (sog. „Luminal-Schema“) setzte Nitsche ab 1941 als medizinischer Leiter der "Aktion T4" nachweislich „in tausenden von Fällen ... für die Anwendung der Euthanasie” ein (Nitsche zitiert nach Böhm 2012, S. 299). Nitsche wirkte zudem an Propagandamaterial mit, um die Zwangssterilisierungen und Krankenmorde zu rechtfertigen und die Deutschen zu beruhigen, beispielhaft ist der NS-Spielfilm Ich klage an von 1941.

 

Aufgrund seiner Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde Nitsche als Hauptangeklagter im Dresdener Euthanasieprozess zum Tode verurteilt und am 25. März 1948 hingerichtet.

 

Literatur

Böhm, B. (2012): Paul Nitsche – Reformpsychiater und Hauptakteur der NS-„Euthanasie“. In: Der Nervenarzt 83, (3), S. 293-302.

Fiebrandt, M., H. Markwardt (2008): Die Angeklagten im Dresdner „Euthanasie“-Prozess. In: B. Böhm, G. Hacke (Hg.): Fundamentale Gebote der Sittlichkeit. Der „Euthanasie“-Prozess vor dem Landgericht Dresden 1947. Dresden: Stiftung Sächsische Gedenkstätten, S. 95-129.

Mitscherlich, A., F. Mielke (1960): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt am Main: Fischer.

Müller, T. (2006): Zwischen Psychiatriereform und Euthanasie – Denken und Handeln von Hermann Paul Nitsche. In: Sozialpsychiatrische Informationen 36, (4), S. 13-19.

Nitsche, P. (1902): Über Gedächtnisstörung in zwei Fällen von organischer Gehirnkrankheit. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades Doctor rerum medicarum des Fachbereichs Humanmedizin der Universität Berlin.

Nitsche, P. (1912): Städtische Heil- und Pflegeanstalt zu Dresden. In: J. Bresler (Hg.): Deutsche Heil- und Pflegeanstalten für Psychisch-Kranke in Wort und Bild. Halle/Saale: Marhold, S. 248-255.

Nitsche, P. (1929): Allgemeine Therapie und Prophylaxe der Geisteskrankheiten. In: O. Bumke (Hg.): Handbuch der Geisteskrankheiten, Band IV. Berlin: Springer, S. 1-131.

Nitsche, P. (1932): Zur Indikationsstellung für die therapeutische Beeinflussung sexueller Anomalien durch Kastration. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin 97, S. 168-188.

Nitsche, P. (1936): Erbpflege im Familienrecht. Psychiatrische Gesichtspunkte für rassedienstliche Auslegung und Ausgestaltung des Eherechts. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin 104, S. 208-232.

 

Julian Schwarz

 

Zitierweise
Julian Schwarz (2015): Nitsche, Hermann Paul.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/121-nitsche-hermann-paul
(Stand vom:17.11.2018)