Pinel, Philippe
Nachname:
Pinel
Vorname:
Philippe
Epoche:
18. Jahrhundert
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Psychiatrie
Geburtsort:
Jonquières (FRA)
* 20.04.1745
† 25.10.1826
Biographie drucken

Französischer Arzt und Pionier der frühen, klinischen Psychiatrie.

 

Philippe Pinel (1745-1826) wurde als Sohn eines Chirurgen im südfranzösischen Jonquières geboren. Anfänglich sollte er Priester werden, studierte dann aber Mathematik und Medizin in Toulouse und Montpellier und promovierte in beiden Fächern. Mit 41 Jahren arbeitete er an der Pariser Privatanstalt Maison Belhomme, bevor er 1792 die Leitung des Armen-, Kranken- und Zuchthauses Bicêtre und zwei Jahre später auch die des Hôpital de la Salpêtrière übernahm. In dieser Position blieb er bis zu seinem Tode. Neben seiner klinischen Tätigkeit war zudem Professor an der Ecole de Santé und ab 1805 Napoleons ärztlicher Berater (Pichot 1991, S. 2). Er starb am 25. Oktober 1826 in Paris.

 

Reformen und „traitement morale“

Auf Grundlage eines aufgeklärten Humanismus setzte Pinel sich für die Reduzierung von Zwangsmaßnahmen ein. Widerlegt ist der Mythos, allein er habe die Lösung der Ketten bei einigen Patienten initiiert. Vielmehr hatte Jean-Baptiste Pussin, ein ehemaliger somatischer Patient und ab 1785 Verwalter von Pinels Abteilung, in Bicêtre zuvor Fesseln abgenommen und den Arzt bei der Entwicklung der „moralischen Behandlung“ unterstützt  (Pinel 1801, S. 201, 230, 274; vgl. Weiner 2008; Kohl 1996).

 

Pinels Hauptwerk Philosophisch-medizinische Abhandlung über Geistesverwirrungen oder Manie von 1801 enthielt ein klares Bekenntnis für Reformen: „Man kann zweifelsohne in den Irrenhäusern, so wie in despotischen Staaten, eine scheinbare Ordnung durch eine unwillkührliche und unbegränzte Einsperrung, durch Ketten, und durch barbarische Behandlung unterhalten; aber ist das nicht die Ruhe der Gräber und des Todes? Eine mit Weisheit berechnete Freyheit zeichnet die Aufrechterhaltung einer solchen Ordnung aus, die mit den strengen Grundsätzen der Menschenliebe übereinstimmt, und die, indem sie einige Milde über das unglückliche Daseyn der Wahnsinnigen verbreitet, oft die Symptome des Wahnsinns ganz verscheucht, auf jeden Fall aber ihre Heftigkeit vermindert.“ (S. 93). Pinel entwarf eine pädagogisierende „moralische“ Behandlung („traitement morale“), wie sie um 1800 auch in England (W. Tuke), Deutschland (J. C. A. Reil) oder Italien (V. Chiarugi) erprobt wurde (vgl. Brückner 2011). Allerdings kamen unter seiner Leitung weiterhin Methoden wie die Zwangsjacke oder das Untertauchen in kaltes Wasser zum Einsatz.

 

Störungstheorie

Pinels zentraler Begriff der „aliénation mentale“ bezog sich auf die traditionelle Bezeichnung „alienatio mentis“ und rückte die verselbständigten, unbeherrschbaren Leidenschaften ins Zentrum der Ursachenlehre. Neben den leichteren Nervenstörungen kannte Pinel (1801, S. 144-189) fünf Formen: 1. Melancholie (mit „délire exclusif sur un object“), 2. „manie sans délire“ (Störung des Willens mit aggressiven Durchbrüchen), 3. „manie avec délire“ (generalisierte, periodische Störung des Verstandes), 4. „Blödsinn“ bzw. Demenz, 5. Idiotismus.

 

Pinels Schriften hatten erheblichen Einfluss auf die Herausbildung der Psychiatrie als eigenständige medizinisch-wissenschaftliche Disziplin. Noch 1830 erklärte Georg Friedrich Wilhelm Hegel in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Pinels „ebenso wohlwollende als vernünftige Behandlung ... setzt den Kranken als Vernünftiges voraus“ (§ 408). So verstand Hegel den Wahnsinn nicht mehr als Gegensatz zur Vernunft, sondern als einen Widerspruch innerhalb der Vernunft. Der Verrückte habe als bürgerliches Subjekt ein natürliches Recht auf Hilfe. Diese Auffassung gehört zum ethischen Kernbestand der frühen Psychiatrie als bürgerliche Reforminstitution.

 

Literatur

Brückner, B. (2011): Moral, Freiheit und Natur – Die Ursprünge der europäischen Psychiatrie im Schnittpunkt von Aufklärung und Romantik. In: Sozialpsychiatrische Informationen 40, (3), S. 8-10.

Gerard, D.L. (1997): Chiarugi and Pinel considered. Soul's brain/person's mind. In: Journal of the History of the Behavioral Sciences 33, (4), S. 381-403.

Grange, K. M. (1963): Pinel Or Chiarugi? In: Medical History 7, (4), S. 371-380.

Hegel, G.W.F. (1830): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, 3. Teil. Die Philosophie des Geistes. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970.

Kohl, F. (1996): Philippe Pinel und die legendäre „Kettenbefreiung“ an den Pariser Hospitälern Bicêtre (1793) und Salpêtrière. In: Psychiatrische Praxis 23, S. 33-36, 92-96.

Pelletier, J.-F., L. Davidson (2015): At the very roots of psychiatry as a new medical specialty: the Pinel-Pussin partnership. In: Sante Mentale au Quebec 40, (1), S.19-33.

Pichot, P. (1991): Zum „Mythos Pinel”. In: W. Pöldinger, W. Wagner (Hg.): Ethik in der Psychiatrie. Berlin: Springer, S. 1-5.

Pinel, P. (1798): Nosographie philosophique, ou la méthode de l’analyse appliquée à la médecine. [Dtsch.: Philosophische Nosographie oder Anwendung der analytischen Methode. Übersetzt von J. M. A. Ecker. Tübingen: Cotta 1799].

Pinel, P. (1799): Rapport fait à l’École de médecine de Paris, sur la clinique d’inoculation, le 29 fructidor. Paris.

Pinel, P. (1801): Traité médico-philosophique sur l’aliénation mentale ou La manie. Paris: Caille et Ravier [Dtsch.: Philosophisch-medizinische Abhandlung über Geistesverwirrungen oder Manie. Übersetzt von M. Wagner. Wien: Carl Schaumburg 1801].

Pinel, P. (1802): La médecine clinique rendue plus précise et plus exacte par l’application de l’analyse. recueil et résultat d’observations sur les maladies aigües, faites à la Salpêtrière. Paris: Brosson. [Dtsch.: Praktische Heilkunde zu einem höheren Grade von Vollständigkeit und Genauigkeit erhoben durch die Anwendung der analytischen Methode. Sammlung und Resultate von Beobachtungen über die hitzigen Krankheiten, Gemacht in dem National-Spital der Salpetriere zu Paris. Übersetzt von G. F. Krauss. Bayreuth: Lübeck 1803].

Weiner, D. B. (1994): „Le geste de Pinel“: The History of a Psychiatric Myth. In: M. S. Micale und R. Porter (Hg.): Discovering the History of Psychiatry. New York, Oxford: Oxford University Press, S. 232-247.

Weiner, D. B. (2008): Philippe Pinel in the Twenty-First Century. In: E. R. Wallace, J. Gach (Hg.): History of Psychiatry and Medical Psychology. New York: Springer, S. 305-312.

 

Julian Schwarz, Burkhart Brückner

 

Foto: Julien-Leopold Boilly / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Julian Schwarz, Burkhart Brückner (2015): Pinel, Philippe.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/66-pinel-philippe
(Stand vom:17.11.2018)