Nietzsche, Friedrich
Nachname:
Nietzsche
Vorname:
Friedrich Wilhelm
Epoche:
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Philosophie
Geburtsort:
Röcken (DEU)
* 15.10.1844
† 25.08.1900
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Klassischer Philologe und Philosoph.

 

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900) wurde in Röcken (Sachsen) geboren. Er gilt als einer der wichtigsten Philosophen des späten 19. Jahrhunderts mit einer weiten Ausstrahlung bis in die Gegenwart. Ab 1864 studierte er klassische Philologie zunächst in Bonn, danach in Leipzig. Bereits mit 24 Jahren erhielt er eine Professur für klassische Philologie an der Universität Basel (Schweiz). Nietzsche litt seit seiner Kindheit unter gesundheitlichen Problemen, u.a. Migräne, Depressionen, Schlafstörungen und Kurzsichtigkeit. Ende der 1880er Jahre traten gravierende psychische Symptome auf – samt fortschreitendem dementiellen Abbau, was postum zu zahlreichen diagnostischen Spekulationen führte.

 

Diagnosen und Verlauf

Nietzsches Symptomatik wurde nie komplett aufgeklärt. Vermutet wurden u.a. Syphilis (Möbius), Chloralhydrat-Vergiftung (Langbehn, Cohn), geistige Überarbeitung (Paasch, Masur, Lackner), Schizophrenie (Muthmann, Lenz, Cormann), Epilepsie (Lampl, Bernoulli), präsenile Demenz (Grosse), Manie (Nordau) und Depression (Schacht). Am gesichertsten schien lange die Diagnose seiner behandelnden Ärzte, die 1889 eine „progressive Paralyse“ als Folge einer – damals unbehandelbaren – Neurosyphilis annahmen. Neuerdings wird dies wieder bezweifelt (vgl. Tenyi 2012), so z.B. von Sax (2003; Hirntumor im Augennerv), Hemelsoet u.a (2008; CADASIL-Syndrom) oder Koszka (2009; MELAS-Syndrom).

 

Nietzsche selbst konsultierte zahlreiche Ärzte. Wärmere klimatische Bedingungen in Sorrent oder an der Riviera halfen nur kurzzeitig. Auch der tägliche Konsum von Chloralhydrat, einem Schlaf- und Beruhigungsmittel, wirkte lediglich palliativ. Nach langen produktiven Schaffensperioden, in denen seine Hauptwerke entstanden, begann Nietzsche im Herbst 1888 sogenannte „Wahnsinnsbriefe“ zu versenden, kryptische Kurzmitteilungen mit Größenideen, die bei den Empfängern, u.a. dem Historiker Jacob Burckhardt, große Besorgnis auslösten (dazu Volz 1990, S. 254 ff. u. 371 ff.). Nach einem Zusammenbruch in Turin am 3. Januar 1889, bei dem Nietzsche ein misshandeltes Pferd auf offener Straße umarmt haben soll, diagnostizierte Ludwig Wille in der Basler Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt – wohin Nietzsche von seinem engen Freund Franz Overbeck gebracht worden war – eine progressive Paralyse mit psychotischen Symptomen als Endzustand einer unbehandelten Neurosyphilis. Sieben Wochen später wurde er auf Gesuch seiner Mutter in die Jenaer Grossherzogliche Sächsische Landes-Irren-Heilanstalt unter Otto Binswanger überführt, wo die Diagnose „dementia paralytica“ aufrecht erhalten wurde. Mit fortschreitender Symptomatik nahm ihn seine Mutter 1890 im sächsischen Naumburg in Pflege. Nietzsches Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche, die den philosophischen Nachlass Nietzsches verfälschend verwaltete, übernahm die Betreuung des zunehmend verfallenden Philosophen ab 1897 in Weimar, bestritt aber zeitlebens die Syphilis-Hypothese. Am 25. August 1900 starb Friedrich Nietzsche im Alter von 56 Jahren.

 

Die diagnostischen Debatten um Nietzsches Krankheit sind exemplarisch für die methodischen Schwierigkeiten der häufig spekulativen traditionellen Pathographik und retrospektiven Diagnostik. Ein zuverlässiger Syphilistest wurde erst 1906, sechs Jahre nach Nietzsches Tod, von August v. Wassermann entwickelt.

 

Literatur

Gschwend, G. (2000): Pathogramm von Nietzsche aus neurologischer Sicht. In: Schweizerische Ärztezeitung 81, (1), S. 45-48.

Hemelsoet, D., Hemelsoet, K., Devreese, D. (2008): The neurological illness of Friedrich Nietzsche. In: Acta Neurologica Belgica 108, (1), S. 9-16.

Khazaee, K. M. (2008): The Case of Nietzsches Madness. In: Existenz - International Journal in Philosophy, Religion, Politics, and the Arts 3, (3), S. 40-48.

Koszka , C. (2009): Friedrich Nietzsche (1844–1900): a classical case of mitochondrial encephalomyopathy with lactic acidosis and stroke-like episodes (MELAS) syndrome? In: Journal of Medical Biography 17, S. 161-164.

Möbius, P. J. (1902): Ueber das Pathologische bei Nietzsche. Wiesbaden: Bergmann.

Podach, E. (1961): Nietzsches Werke des Zusammenbruchs. Heidelberg 1961.

Poltrum, M. (2012): Nietzsche als Diagnostiker, Patient und Psychotherapeut. Philosophie als Arzneimittel im Dienste des wachsenden und kämpfenden Lebens. In: K. Brücher, M. Poltrum (Hg.): Psychiatrische Diagnostik. Berlin: Parodos, S. 136-164.

Sax, L. (2003): What was the cause of Nietzsche’s dementia? In: Journal of Medical Biography 11, S. 47-54.

Schain, R (2001): The Legend of Nietzsche's Syphilis. Westport: Greenwood Press.

Tényi, T. (2012): The madness of Dionysus -- six hypotheses on the illness of Nietzsche. In: Psychiatria Hungaria 27, (6), S. 420-425.

Volz, P. D. (1990): Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Eine medizinisch-biographische Untersuchung. Würzburg: Königshausen + Neumann.

 

Burkhart Brückner, Robin Pape

 

Foto: Gustav-Adolf Schultze (d. 1897) / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Burkhart Brückner, Robin Pape (2015): Nietzsche, Friedrich.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/56-nietzsche-friedrich-wilhelm
(Stand vom:11.12.2018)