Ackerknecht, Erwin Heinz
1987
Nachname:
Ackerknecht
Vorname:
Erwin Heinz
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Medizingeschichte
Politik
Geburtsort:
Stettin (POL)
* 01.06.1906
† 18.11.1988
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(Psd.: Eugen Bauer, Erwin Bauer, Emma Bauer). Deutsch-amerikanischer Medizinhistoriker, Ethnologe und Politiker.

 

Erwin Heinz Ackerknecht (1906-1988) wurde in Stettin geboren und wuchs zusammen mit seiner Schwester Inge in einem intellektuell geprägten Elternhaus auf. Sein Vater Erwin Ackerknecht (1880-1960) war promovierter Literaturhistoriker und Direktor der städtischen Bibliothek, seine Mutter Clara Ackermann, geb. Pfitzer, stammte aus Stuttgart. Zuerst wollte Ackerknecht Kunstmaler werden, sein Vater widersprach jedoch diesem Wunsch. 1924 begann er in Freiburg Medizin zu studieren (neben Ökonomie, Kunstgeschichte und Literatur) und wechselte später nach Kiel, Wien und Berlin. 1929 folgte das Staatsexamen und 1931 reichte er in Leipzig bei Henry E. Sigerist eine Dissertation ein, die 1932 als Beiträge zur Geschichte Medizinalreform von 1848 erschien (vgl. Ackerknecht 1985; Sigerist 2010). Walser (1998, S. 179) bekräftigt, es habe für einen jungen, marxistisch orientierten Arzt „kaum ein passenderes Thema für die Doktorarbeit geben“ können, als die „Darstellung der Reformbewegung in der deutschen Revolution von 1848“ und die „enge Verflechtung der Medizin mit den sozialen und politischen Mächten“.

 

Politisches Engagement und Emigration

Seit seiner Jugend engagierte Ackerknecht sich in kommunistischen Organisationen. 1926 wurde er in Berlin Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands. In Leipzig trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands bei (KPD) und gründete 1928 die Gruppe Bolschewistische Einheit. Er war Mitglied des Vereins Sozialistischer Ärzte sowie ab 1929 des Leninbunds und gründete ein Jahr später die Vereinigte Linke Opposition der KPD mit. 1932 wurde er aus der KPD ausgeschlossen. In den dreißiger Jahren wurde er zu einem führenden Trotzkisten in Deutschland und Redakteur der Zeitschrift Permanente Revolution mit dem Pseudonym „Bauer“ (1934; vgl. Röder & Strauss 1980; Lubitz & Lubitz 2005).

 

Nach der Heirat mit der Gestalterin Helene Rother (1908-1999) und der Geburt ihrer Tochter Ina Ann im Jahr 1932 arbeitete Ackerknecht bis 1933 als Assistenzarzt für Neurologie und Psychiatrie in Berlin-Buch. Die Ehe scheiterte jedoch bald. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten leitete Ackerknecht den deutschen trotzkistischen Widerstand im Untergrund (vgl. Ulrich 2000). Er floh im Juni 1933 über die Türkei, wo er sich bei Leo Trotzki aufhielt, nach Paris, wo er das Auslandskomitee der deutschen Trotzkisten leitete (Walser 1998; Röder & Strauss 1980, S. 3 f.). 1935 brach er mit dem Trotzkismus und wechselte zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, die ihn 1937 ausschloss, nachdem er mit seinem Parteiflügel („Neuer Weg“) die Schauprozesse Stalins und die KPD kritisiert hatte (vgl. Foitzik 1986; Lubitz & Lubitz 2005).

 

Wissenschaftliche Karriere als Medizinhistoriker

1938 zog Ackerknecht sich von der politischen Arbeit zurück und nahm ein Studium der Ethnologie am Pariser Musée de l'homme auf, das er 1939 mit dem Diplom abschloss. Nach seiner Ausbürgerung aus Deutschland am 14. Februar 1939 wurde er von September 1939 bis Februar 1940 in Frankreich als staatenloser Ausländer interniert. Nach seiner Entlassung war er kurze Zeit im aktiven Dienst der französischen und der britischen Armee, emigrierte 1941 in die USA und arbeitete dort zuerst als Packer und Krankenpfleger.

 

1942 wurde Ackerknecht am Institute of Medical History der Johns Hopkins University in Baltimore Assistent seines ebenfalls emigrierten Doktorvaters Henry E. Sigerist. 1943 heiratete er Lucy Krüger (1913-1997; 1982), eine bekannte Individualpsychologin, mit der er zwei Töchter bekam (Sylvia, geb. 1941; Ellen, geb. 1944). 1945 erhielt er beim American Museum of Natural History in New York eine Anstellung, wurde 1948 amerikanischer Staatsbürger und lehrte von 1947 bis 1957 Medizingeschichte an der University of Wisconsin. In diesen Jahren baute er seine interdisziplinäre Expertise in Medizingeschichte, Ethnologie und Anthropologie auf (vgl. Stern & Markel 2009; Rosenberg 2007).

 

Nachdem er 1953 mit einer Biographie über Rudolf Virchow hervorgetreten war, publizierte Ackerknecht 1955 die Monographie A Short History of Medicine. In der deutschen Ausgabe von 1959 (Kurze Geschichte der Medizin; S. 4) erklärte er seine Grundhaltung: „Ein Arzt kann nicht früh genug die Tatsache würdigen, daß sein Beruf Teil und Produkt der Gesellschaft ist, und daß dieser immer mit Religion, Philosophie, Wirtschaft, Politik und der ganzen menschlichen Kultur eng verbunden war und bleibt. Seine Ausbildung, seine gesellschaftliche Wertschätzung, seine Entschädigung – und leider auch seine Spezialisierung – hängen in letzter Instanz von Orientierung und Entscheidung der Gesellschaft ab. Die Medizingeschichte ist gezwungen, diesen nicht wissenschaftlichen sozialen Hintergrund der Medizin zu behandeln, und dient daher wie keine andere medizinische Disziplin dazu, die Augen für jene sozialen Faktoren zu öffnen, ohne die die Probleme von Gesundheit und Krankheit nicht richtig verstanden werden können.“

 

Lehrstuhl in Zürich

1957 nahm Ackerknecht – während der antikommunistischen McCarthy-Ära in den USA – das Angebot an, nach Zürich zu gehen, um dort als Direktor des Medizinhistorischen Instituts zu arbeiten und förderte den Aufbau des dortigen Medizinhistorischen Museums (Walser 1998, S. 177). Im gleichen Jahr erschien seine ideengeschichtlich angelegte Kurze Geschichte der Psychiatrie. Ackerknecht konzipierte eine traditionelle, naturwissenschaftlich orientierte Fortschrittsgeschichte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert (inkl. neuerer somatischer Behandlungsmethoden), allerdings ohne die Rolle der Psychiatrie im Nationalsozialismus zu thematisieren. 1958 heiratete er in dritter Ehe Edith Weinberg, die er bereits seit seiner Leipziger Zeit kannte.

 

1964 engagierte Ackerknecht sich öffentlich und mit internationalem Echo, um jegliche akademische Tätigkeiten des früheren SS-Hauptsturmführers und Medizinhistorikers Bernward J. Gottlieb sowie des früheren SS-Obersturmführers Alexander Berg an der Universität Göttingen zu verhindern (vgl. Mörgeli & Jobmann 1998; Bruns & Frewer 2006, S. 159 ff. u. 171). Auch nach seiner Emeritierung 1971 blieb Ackerknecht publizistisch aktiv, insgesamt verfasste er über 20 Bücher und 300 Fachartikel (siehe die Publikationslisten in der Zeitschrift Gesnerus von 1966 (Bd. 23, H. 1/2, S. 5-12), 1976 (33, 1/2, 3-7), 1986 (43, 1/2, 6-10) und 1988 (45, 3/4, 311-312). Nach zunehmenden gesundheitlichen Problemen starb Erwin Heinz Ackerknecht 1988 in Zürich im Alter von 82 Jahren.

 

Auszeichnungen

1965: Orden der Palmes académiques der Republik Frankreich.

1972: William H. Welch-Medaille.

1976: Ehrendoktorwürde der Universität Bern.

1978: Ehrendoktorwürde der Universität Genf.

1983: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

 

Literatur

Ackerknecht, E.H. (1932): Beiträge zur Geschichte der Medizinalreform von 1848. Leipzig: Barth.

Ackerknecht, E. H. (1945): Malaria in the Upper Mississippi Valley, 1760-1900. Baltimore: Johns Hopkins.

Ackerknecht, E. H. (1953): Rudolf Virchow: Doctor, Statesman, Anthropologist. Madison: University of Wisconsin Press.

Ackerknecht, E. H. (1955): A short history of medicine. New York: Ronald Press [dtsch. Kurze Geschichte der Medizin. Stuttgart: Enke 1959].

Ackerknecht, E. H. (1957): Kurze Geschichte der Psychiatrie. Stuttgart: Enke.

Ackerknecht, E. H. (1958): Recollections of a former Leipzig student. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 13, (2), S, 148-150.

Ackerknecht, E. H. (1963): Das Reich des Asklepios, Eine Geschichte der Medizin in Gegenständen. Bern, Stuttgart: Huber.

Ackerknecht, E. H. (1967): Medicine at the Paris hospital, 1794-1848. Baltimore: Johns Hopkins Press.

Ackerknecht, E. H. (1970): Therapie von den Primitiven bis zum 20. Jahrhundert. Stuttgart: Enke.

Ackerknecht, E. H. (1975): Rudolf Virchow und die Sozialmedizin. In: Sudhoffs Archiv 59, (3), S. 247-253.

Ackerknecht, E. H. (1971): Medicine and ethnology. Selected essays. Hg. von H. H. Walser. Bern: Huber.

Ackerknecht, E. H., H. Buess (1975): Kurze Geschichte der großen Schweizer Ärzte. Bern: Huber.

Bauer, E. (1934): Österreich. Eine Lehre für alle. Prag: Knopp.

Bruns, F., A. Frewer (2006): Fachgeschichte als Politikum: Medizinhistoriker in Berlin und Graz in Diensten des SS-Staates. In: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 24, S. 151-180.

Ackerknecht, L. K. (1982): Individualpsychologische Kinder- und Jugendtherapie. München: Reinhardt.

Cranefield, P. F. (1990): Erwin H. Ackerknecht, 1906-1988. Some Memories. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 45, (2), S. 145-149.

Foitzik,  J. (1986):  Zwischen  den  Fronten.  Zur  Politik,  Organisation  und  Funktion  linker  politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 bis 1939/40 unter besonderer Berücksichtigung des Exils. Bonn: Neue Gesellschaft.

Leopold, F. (1995): Der Nachlaß Erwin Ackerknecht. Ein Verzeichnis. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft.

Lubitz, W., P. Lubitz (2005): Erwin Heinz Ackerknecht. Bio-Bibliographical Sketch. URL: http://www.trotskyana.net/Trotskyists/Bio-Bibliographies/bio-bibl_ackerknecht.pdf

Mörgeli, C., A. Jobmann (1998): Erwin H. Ackerknecht und die Affäre Berg/Rath von 1964. Zur Vergangenheitsbewältigung deutscher Medizinhistoriker. In: Medizin, Gesellschaft und Geschichte 16, S. 63-124.

Röder, W., H. A. Strauss (1980): Ackerknecht, Erwin Heinz. In: W. Röder, H . A. Strauss: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Mnchen, Saur: S. 3-4.

Rosenberg, C. E. (2007): Erwin H. Ackerknecht, Social Medicine, and the History of Medicine. In: Bulletin of the History of Medicine 81, (3), S. 511-532.

Sigerist, H. E. (2010): Correspondences with Welch, Cushing, Garrison, and Ackerknecht. Hg. von  M. H. Bickel. Bern, Berlin: Lang.

Stern, A. M., H. Markel (2009): Commentary: Disease etiology and political ideology. Revisiting Erwin H. Ackerknecht’s Classic 1948 Essay ‘Anticontagionism between 1821 and 1867’. In: International Journal of Epidemiology 38, S. 31-33.

Steinke, H. (2013, Hg.): 50 Jahre Institut für Medizingeschichte der Universität Bern 1963-2013.

Institut für Medizingeschichte, Universität Bern.

Ulrich, A. (2000): Arbeitereinheitsfront gegen den Faschismus? Zum Widerstand von Trotzkisten gegen das NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung des Rhein-Main-Gebietes. In: Mainzer Geschichtsblätter 12, S. 101-134.

Wendt, E. (2004): Ackerknecht, Erwin Heinz (1906-1988). In: Stettiner Lebensbilder. Köln: Böhlau, S. 26-28.

Walser, H. H. (1998): Zum 10. Todestag von Erwin H. Ackerknecht (1906-1988). In: Gesnerus 55, (3/4), S. 175-182.

Walser, H. H. (1988): Zum Hinschied von Erwin H. Ackerknecht. In: Gesnerus 45, (3/4), S. 309-310.

 

Burkhart Brückner, Annette Baum, Ansgar Fabri

 

Foto: Universitätsarchiv Zürich / Quelle: Wikimedia / Lizenz: CC-BY-SA 4.0

 

Zitierweise
Ansgar Fabri, Burkhart Brückner (2015): Ackerknecht, Erwin Heinz.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/49-ackerknecht-erwin-heinz
(Stand vom:11.12.2018)