Karl Genzel
Kuh, die auf katholisch geht; vor 1921
Nachname:
Genzel
Vorname:
Karl
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Kunst
Geburtsort:
Mühlhauseen
* 21.03.1871
† 21.08.1925
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Maurer und Bildhauer 

Karl Genzel (1871-1925) war Insasse mehrerer psychiatrischer Anstalten und ein Holzschnitzer, dessen Werke unter dem Pseudonym Karl Brendel von dem Psychiater Hans Prinzhorn 1922 in sein Buch Bildnerei der Geisteskranken aufgenommen wurde.

Leben

Karl Genzel wurde in Mühlhausen (Thüringen) als Sohn eines Bauvogt und Fuhrunternehmers geboren. Dort wuchs er gemeinsam mit drei Brüdern und fünf Schwestern auf. Eine Schulausbildung erhielt er von sechs bis 14 Jahren und absolvierte danach eine Maurerlehre. Nach seiner Ausbildung war er unter anderem in Lothringen und Westfalen tätig. Zudem behauptete Brendel, nicht nur als Maurer tätig gewesen zu sein, sondern auch als Stuckateur und als Former in Stahlwerken (Prinzhorn 1922, S. 122).

 

Wegen Körperverletzung, Beleidigung, Sachbeschädigung, Kuppelei und Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde Genzel ab 1892 zu Geldstrafen oder Gefängnis verurteilt (Prinzhorn 1922, S. 122). Dennoch lernte er seine Frau kennen (eine Witwe mit zwei Kindern), die er 1895 heiratete. Gemeinsam zogen sie nach Bochum, wo auch seine vier Töchter aufwuchsen (geb. 1897, 1898, 1900, 1903; Prinzhorn 1922, S. 129).

 

Durch einen Arbeitsunfall erlitt Genzel im Jahr 1900 eine schwere Verletzung an seinem linken Oberschenkel. Zwei Jahre später musste sein Bein amputiert werden. Im selben Jahr (1902) wurde seine Ehe geschieden, da ihm Gewalttaten und eine Schlägerei mit dem Sohn seiner Frau vorgeworfen wurden. Anschließend schlug er sich als Hausierer durch. Dabei gelangte er bis nach Lothringen, wo er 1906 aufgrund von Bettelei und Körperverletzung verhaftet wurde. Nach seiner Verhaftung verlegte man ihn aufgrund psychischer Auffälligkeiten in die Rheinische Provinzial-Irrenheilanstalt Merzig und dann in die Provinzial-Heilanstalt Lengerich. Hier erhielt er 1907 die Diagnose „Dementia praecox“ und wurde von dort in die Provinzial-Heilanstalt Eickelborn bei Lippstadt eingewiesen (Brand-Claussen 1997, S. 222).

 

1924 floh er aus der Anstalt und kam bei Verwandten in Mülhausen unter. Von dort wurde er nach einem Schlaganfall wieder zurück nach Eickelborn gebracht. Dort verstarb Karl Genzel sechs Monate später, am 21. August 1925 (Prinzhorn 1922, S. 122).

 

Künstlerische Werk

Bevor Genzel das Holzschnitzen für sich entdeckte, fiel er in der Provinzial-Heilanstalt Eickelborn durch eigensinnige Verhaltensweisen auf. Ruhige und euphorische Phasen wechselten sich ab, teils geprägt von halluzinatorischen Erlebnissen, Zorn, Gewalt und Freiheitsbegehren. Mitunter lag er auch tagelang im Bett, las die Bibel und blieb isoliert. Bettina Brand-Claussen (1997, S. 254) resümiert, Genzel füllte in seiner Zelle „Hefte und Blätter mit Texten und Zeichnungen, tobt im Wahn gegen Verfolger und nackte Frauen, klebt geschickt Tüten, durchblättert Zeitschriften, formt Figuren aus gekautem Brot, schält Weiden, verziert Hausschuhe, […] wütet gegen die Unfreiheit, bleibt tagelang im Bett liegen, philosophiert, liest die Bibel, streitet, schlägt, schnitzt, [...] jahrzehntelang“.

 

Genzels erste Holzschnitzereien waren flache Skulpturen mit durchmusterten Rändern. Diese bemalte oder lackierte er nachträglich. Zu seinen Sujets zählten etwa Fabelwesen oder auch eigene religiöse Vorstellungen. Ein besonderes Charakteristikum seiner Arbeiten besteht darin, dass seine Figuren häufig sowohl weilbliche als auch männliche Geschlechtsteile zeigen. Genzel beschrieb seine Tätigkeit folgendermaßen: „Wenn ich ein Stück Holz vor mir habe, dann ist da drin eine Hypnose - folge ich der, so wird etwas draus - sonst aber gibt es einen Streit“ (zitiert nach Siemeister 2013, S. 261). Prinzhorn fand 24 Skulpturen und acht Zeichnungen von Genzel, die sich heute im Museum Sammlung Prinzhorn in Heidelberg befinden.

 

Eines seiner Werke (Kuh, die auf katholisch geht; bzw. nach Prinzhorn: Bescheidenes Tier; 10,2 x 14,4 cm; siehe Profilbild) fertigte Genzel vor 1921 aus einem alten Möbelstück an. Durch seine Hörner und großen Ohren könnte es sich um ein Rind handeln, das auf den Vorderbeinen kniet (Prinzhorn 1922, S. 134). Auffällig ist auch die Formlosigkeit der Beine und des Leibs, was eher an ein Insekt erinnert. Die obere Linie des Rückens geht bis zum Kopf durch und wird nur durch die Abbildung des Kopfes unterbrochen. Betrachtet man die Mimik, könnte ein staunender oder stutzig wirkender Ausdruck erkennbar sein, da die Augen aufgerissen und die Nasenlöcher weit geöffnet sind (Prinzhorn 1922, S. 134 ff.). Prinzhorn beschreibt dieses und weitere Werke als kindlich, da es Tierbildern von Kindern ähnele (Prinzhorn 1922, S. 136). Weitere Werke von Genzel besitzen genauere Konturen und zeigen deutlich die Geschlechtsteile der Wesen.

 

Rezeption 

Neben den von Prinzhorn gefundenen Skulpturen und Zeichnungen existieren noch zwei mit Bleistift eng beschriebene Hefte und 30 weitere einzelne Bilder und Blätter (Prinzhorn 1922, S. 125 ff.). In einem dieser Hefte schrieb Genzel: Eine frage, so auch aile Tiere sind mit menschlichem Geiste verwant, aber bloß darin da der menschliche Geist wirksamer an die Tiere herraufzieht zu tun der menschliche Laute (?) zu leben zu einsicht die Tiere im geiste seele un schult in Menschen verstehen zu beurteilen die Tiere auf Erden flir gewitterscheun wie Menschliches gehof an die Tiere der geist for Menschen aus der land Tier ein hegt ... (Prinzhorn 1922, S. 127). Prinzhorn folgerte, dass es sich um Texte handelt, deren „Wortgewirr“ unleserlich sei und und keine Struktur habe. Zwei Werke von Genzel wurden von den Nationalsozialisten 1937 auf der Propaganda-Ausstellung Entartete Kunst gezeigt.

 

1922 bezeichnete Prinzhorn Genzels Werke sowohl als seltsam als auch als eindringlich und sah Ähnlichkeiten mit früher afrikanischer Kunst (vgl. dazu Brand-Claussen 2020). Bettina Brand-Claussen (1997, S. 219) gibt an, die Skulpturen aus Holz seien zwar grob und kantig, aber auch weich, schwellend, fein und vielgliedrig. Thomas Röske (2007, S. 179) beschrieb einige typische Schnitzereien von Genzel, darunter die berühmten Kopffüßler, als Zwitterwesen, in denen „die Spannungen der Geschlechter ausgeglichen sein sollen“. Röske merkt an, dass Prinzhorn manche Werke als „dermaßen „widerlich"" empfand, dass er nur den Oberkörper abbildete (Röske 2007, S. 179). Genzels Holzskulpturen seien wohl auf seine biographischen Erfahrungen und auch seine psychotischen Erlebnisweisen zurückzuführen.

 

Literatur

 Brand-Claussen, B. (1997): „KnochenWeltMuseumTheater“. Holzskulpturen von Karl Genzel aus der Prinzhorn-Sammlung. In: Ingried Brugger u. a. (Hg.): Kunst & Wahn. Köln: DuMont, S. 218-239.

Brand-Claussen, B. (2020): Der Blick auf das Fremde. Karl Genzels Schnitzwerk und die Stammeskunst. In: Beyme, I. von; T. Röske (Hg.): Einführung in die Sammlung Prinzhorn. Heidelberg: Museum Sammlung Prinzhorn, S. 36-37.

Prinzhorn, H. (1922) : Bildnerei der Geisteskranken. Springer, Berlin/ Heidelberg

Roeske, T. (2007): Lust und Leid – sexuelle und erotische Motive in Werken der Sammlung Prinzhorn. In: H. Förstl, E. Boehlke, P. Heuser, (Hg.): Licht und Schatten. 39. Jahrestagung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychopathologie des Ausdrucks. Berlin: DGPA, S. 169-180.

Siemeister, E. (2013): Körperaufführung (Performance) „Sim-sa-la-Bim“. In: T. Fuchs, I. Jàdi, B. Brand-Claussen, C. Mundt (Hg.): Wahn Welt Bild. Die Sammlung Prinzhorn. Beiträge zur Museumseröffnung. Heidelberg: Springer, S. 257-274.

 

 Isabell Klein

 

 

Foto: Kuh, die auf katholisch geht; Museum Sammlung Prinzhorn, Inv. Nr. 108. Quelle Wikimedia / Lizenz: public domain..

 

 

Zitierweise
Isabell Klein (2023): Karl Genzel.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/312-johann-karl-genzel
(Stand vom:20.04.2024)