Steppe, Hilde
Nachname:
Steppe
Vorname:
Hilde
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Pflege
Sozialpsychiatrie
Politik
Geburtsort:
Rethem
* 06.10.1947
† 23.04.1999
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Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin und Gesundheitspolitikerin

 

Hilde Steppe (1947-1999) wurde am 6. Oktober 1947 in Rethem (Niedersachsen) geboren. Ihre Eltern arbeiteten beide als Lehrer. Nach der Mittleren Reife absolvierte sie zwischen 1965 und 1968 die Ausbildung zur Krankenschwester an der Krankenpflegeschule am Stadtkrankenhaus Kempten im Allgäu. 1984 erhielt sie die Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis und studierte von 1988 bis 1994 an der Fernuniversität Hagen und an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main Erziehungswissenschaften, Geschichte, Psychologie und Sozialwissenschaften. 1994 erfolgte der Abschluss zur Diplompädagogin und 1997 die Promotion zum Dr. phil., die 2006 in zweiter Auflage erschienene Dissertation     … Den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre ... Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland

 

Neben ihrer beruflichen Tätigkeit widmete sie sich ihrem Sohn (geb. 1970) und in ihrer Freizeit der Theatergruppe „Frankfurter Spielfrauen“. Dieses Kabarett entstand aus der Frauenbewegung und spielte 1977 sein erstes Stück Der Gürtel zum Thema Abtreibung, die letzte Vorstellung mit Hilde Steppe war 1997 Benefiz mit Mutterwitz im neuen Gallustheater.

 

Beruflicher Weg

Von 1968 bis 1972 arbeitete Hilde Steppe an den Städtischen Krankenanstalten in Bielefeld. Dort schloss sie die Weiterbildung zur Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie ab. 1972 und 1973 war sie als Stationsleitung an den Krankenanstalten der Stadt Esslingen tätig. Von 1973 bis 1976 übernahm sie die pflegerische Leitung der Intensivmedizinischen Abteilung des Instituts für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Tübingen.1976 bis 1977 folgte die Weiterbildung zur Pflegedienstleiterin beim Berufsfortbildungswerk des DGB in Frankfurt am Main. 1977 arbeitete sie bei dem Frankfurter Verein für Soziale Heimstätten, einem Träger der psychosozialen, sozialpsychiatrischen Versorgung. Anschließend folgte eine Anstellung im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main. Ab 1978 war sie Lehrerin am Fortbildungszentrum für Berufe im Gesundheitswesen des Berufsfortbildungswerkes (Bfw) des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und übernahm dort 1980 die Leitung. 1992 wurde sie Leiterin des Referats „Pflege im Gesundheitswesen“ im hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit in Wiesbaden. Sie war maßgeblich dafür verantwortlich, dass an allen drei Fachhochschulen in Hessen (Darmstadt, Frankfurt, Fulda) erstmalig in Deutschland Studiengänge für die Ausbildung der Pflege bereits zum Wintersemester 1993/94 eingerichtet wurden. Im Januar 1998 erhielt sie eine Professur am Fachbereich Pflege und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt (heute Frankfurt University of Applied Sciences). Ihr privates umfangreiches historisches (Pflege-)Archiv überließ sie später der Hochschule. Dieses Archiv wurde nach ihrem Tod zunächst „Hilde-Steppe-Archiv“ genannt und befindet sich jetzt in der „Historischen Sondersammlung Soziale Arbeit und Pflege“.

 

Hilde Steppe war an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Kontexten als Dozentin und Lehrbeauftragte sowie wissenschaftlich, gewerkschaftlich (ÖTV) und berufspolitisch tätig. Sie war 1989 Gründungsmitglied des Deutschen Vereins für Pflegewissenschaft e. V. (seit 2005 Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft e. V., DGP). Sehr schnell bildete sich dort unter ihrer Federführung eine Gruppe zur historischen Pflegeforschung.

 

Engagement für psychosoziale Inhalte, Ethik und Pflegegeschichte 

Hilde Steppe war es ein zentrales Anliegen, dass sich die Pflege insgesamt, aber auch in ihren einzelnen Disziplinen weiterentwickelt. Vor diesem Hintergrund ist Mitte der 1980er Jahre die erste Weiterbildungsstätte für Fachkrankenpflege in der Psychiatrie an einer unabhängigen Bildungseinrichtung, nämlich am Berufsbildungswerk Frankfurt auf Initiative von Hilde Steppe und Hilde Schädle-Deininger entstanden. Steppe förderte damit psychosoziale Inhalte auch in den anderen Bildungsangeboten für Pflegeberufe am Bfw und versuchte, psychiatrische und psychosoziale Themen in einen fachlichen und gesellschaftlichen Gesamtkontext zu stellen. In einem Vortrag formulierte sie 1986: „Ethische Werte sind nicht überflüssig, sondern notwendig, um sich über die weitergehende Bedeutung neuer Ansätze klar zu werden. Sie müssen diskutierbar, hinterfragbar und modifizierbar sein von den Berufsangehörigen auf der Basis allgemein gültiger moralischer Prinzipien. Nur dann sind sie ein lebendiger Ausdruck eines lebendigen, sich ständig verändernden Berufes.“ (Steppe 1990, S. 57).

 

Intensiv beschäftigte sich Steppe mit der Geschichte der Pflege, insbesondere mit der Krankenpflege im Nationalsozialismus: „Die Perversion des pflegerischen Postulats der Humanität im Nationalsozialismus, die Beteiligung von Pflegenden bei der Ermordung von Tausenden psychisch kranker Menschen und die fehlende Reflexion und Aufarbeitung dieser Zeit im pflegerischen Berufsfeld trugen sicher mit dazu bei, die inferiore Rolle der psychiatrischen Pflege im Nachkriegsdeutschland weiter zu zementieren.“ (Steppe 2001, S. 4). Ihr war bewusst, dass die schwierige Situation der Pflegekräfte in der Psychiatrie des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts zur Vorgeschichte der Patiententötungen gehört: „Nicht zu unterschätzen ist sicher auch die spezifische Situation der psychiatrischen Pflege, die noch stärker als die allgemeine Pflege der sozialen Diskriminierung ausgesetzt war. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Pflegenden, die mangelnde Ausbildungssituation und die landläufige Abwertung der Tätigkeit eines/einer ‘Irrenwärter/-in‘ als etwas, zu dem man immer noch gut genug war, wenn sonst nichts anderes mehr ging – diese Faktoren führten sicher auch zu einer negativen Auslese des Personals.“ (Steppe 2001, S. 172).

 

1985 gab Steppe den Sammelband Geschichte der Krankenpflege – Versuch einer kritischen Aufarbeitung heraus, der von Krankenschwestern und Krankenpflegern der AG Krankenpflegegeschichte verfasst worden war. Kurze Zeit später publizierte sie ihr Standardwerk Krankenpflege im Nationalsozialismus, das 2013 in zehnter Auflage erschien. In ihrer Analyse des Themas geht es gleichermaßen um die Entstehung der Pflege als bürgerlicher Frauenberuf, um die Ursprünge der „Irrenpflege“ in den Heil- und Pflegeanstalten des 19. Jahrhunderts, sowie um die Unterordnung des Berufes unter die naturwissenschaftliche Medizin und die Rolle der Pflege bei der Ermordung von Patienten im Nationalsozialismus. Bis heute ist kein vergleichbares Buch verfügbar, das die Zeit des Nationalsozialismus aus den Blickwinkeln der Pflege dokumentiert. 

 

Grundpositionen zur Pflege und Wirkung

Hilde Steppe hat die Professionalisierung der Krankenpflege seit den 1980er Jahren nachhaltig gefördert. Horst-Peter Wolff (2001, S. 214) bezeichnete sie als eine der „profilierten Pflegewissenschaftlerinnen Deutschlands in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts“. Ihr international vernetztes Engagement zielte auf die Weiterentwicklung und Emanzipation der Pflegeberufe sowie die erforderliche Qualifikation und theoretische Begründung pflegerischen Handelns. Sie verband damit immer auch das politische Potential der pflegerischen Arbeit als gesellschaftliche Kraft im Gesundheitswesen. Nach Steppe kann die weitere Professionalisierung der Pflegeberufe nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, pflegerische Eigenverantwortung ernst nehmen, den Wertehintergrund des beruflichen Handelns bewusst in den Alltag zu integrieren sowie die Eigenverantwortlichkeit der Patientinnen und Patienten zu stärken und die Angehörigen zu stützen. Hilde Steppe starb am 23. April 1999 an einer Krebserkrankung in Frankfurt am Main. Ihr Grab liegt auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main in Nähe der Mauer zum Jüdischen Friedhof.

 

Im Gedenken an Hilde Steppes Arbeit und zu deren Fortführung wurde 1999 der Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V. in Frankfurt gegründet. Zu ihrem zehnten Todestag (2009) und zu ihrem siebzigsten Geburtstag (2017) veranstaltete der Verein ganztägige Symposien, im Jahr 2017 mit dem Titel „Pflege – Impulse: Hilde Steppe und ihr Einfluss auf die Pflege“.

 

Auszeichnungen

1993: Gießener Pflegepreis

 

Literatur

Benedict, S., Shields, L. (Hg.) (2014): Nurses and Midwives in Nazi Germany. The "Euthanasia Programs". New York: Routledge.

Kesselring, A. (2000):  Hilde Steppe in memoriam. Belebte Geschichte. In: Pflege 13, (2), S. 107-110. Kessler, S. (2017): Hilde Steppe - aktueller denn je. Grenzen der Menschenwürde. In: Lebensqualität. Die Zeitschrift für Kinaesthetics 11, (3), S. 44-48.

Schädle-Deininger, H. (1990, Hg.): Pflege – Pflege-Not – Pflege-Not-Stand – Entwicklungen psychiatrischer Pflege. Bonn: Psychiatrie Verlag.

Schädle-Deininger, H. (2015): Entwicklungen in der Pflegebildung. In. PADUA 10, (3), S. 192-196.

Schädle-Deininger, H., J. Behrens (2018): Pflegerische Bildung, Akademisierung und Qualifizierung. Möglichkeiten der Verknüpfung von beruflicher und hochschulischer Bildung am Beispiel Psychiatrischer Pflege. In: Pädagogik der Gesundheitsberufe 5, (3). S. 172-181.

Steppe, H. (1984): Sterbebegleitung auf der Intensivstation aus der Sicht der Krankenschwester. In: I. Spiegel- Rösing, H. Petzold (Hg.): Die Begleitung Sterbender. Paderborn: Junfermann, S. 593-604.

Steppe H. (1985, Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Mabuse.

Steppe, H. (1985):Krankenpflege in der Weimarer Republik. In: Dr. med. Mabuse 10, (6), S. 21-26.

Steppe, H. (1988): Dienen ohne Ende. die historische Entwicklung der Arbeitszeit in der Krankenpflege in Deutschland. In: Pflege 1, S. 4-19.

Steppe, H. (1990): Historical Research in Nursing. In: Proceedings I. of the 5th Biennial Conference of the Workgroup of European Nurse Researchers (WENR). Budapest, S. 306-317.

Steppe, H. (1990): Das Dilemma der pflegerischen Ethik. In: H. Schädle-Deininger (Hg.): Pflege, Pflege - Not, Pflege - Not - Stand. Bonn: Psychiatrie Verlag, S. 32-58.

Steppe, H. (1990): Pflegemodelle in der Praxis. 3. Folge: Hildegard Peplau. In: Die Schwester/Der Pfleger 29, (9), S. 768-773.

Steppe, H. (1991): Pflege in der Krise - Irrwege von gestern - Auswege für morgen. In: E. Seidl, E. (Hg.): Pflegeberuf - Entwicklung und Perspektiven. Wien: Maudrich, S.12-40.

Steppe, H. (1992):  Nursing in Nazi Germany. In: Western Journal of Nursing Research 14, (6), S. 744-753.

Steppe, H. (1993): Pflegewissenschaft und Geschichte. In: E. Seidl (Hg.): Betrifft. Pflegewissenschaft. Wien: Maudrich, S. 158-170

Steppe, H., P. Botschafter(1994): Gemeinsam mit Theorie- und Forschungsentwicklung in der Pflege. In: D. Schaeffer, M. Moers, R. Rosenbrock (Hg.): Public Health und Pflege. Berlin: Sigma, S. 72-86.

Steppe, H. (1995): Zur Situierung und Bedeutung der Pflegetheorien in der Pflegewissenschaft. In: R. Spirig (Hg.): Referate zum Internationalen Kongress. Pflegetheorien und ihre Bedeutung für Praxis und Ausbildung. Aarau: Kaderschule Krankenpflege, S. 21-42

Steppe, H. (1995): Aspekte der Professionalisierung des Pflegeberufs in den USA. In: M. Stach, G. Wiechmann-Schröder, M. Kipp (Hg.): Zur Professionalisierung der Pflege. (Hochschule und Berufliche Bildung, Bd. 39). Alsbach: Leuchtturm, S. 43-68.

Steppe H. (1996, Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 8. Auflage. Frankfurt am Main: Mabuse.

Steppe, H. (1996): Nursing under totalitarian regimes. the case of National Socialism. In: A. M. Rafferty, et al. (Hg.): Nursing History and the Politics of Welfare. London/New York: Routledge. pp. 10-28.

Steppe, H. (1997): „…Den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre...“. Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Frankfurt am Main: Mabuse.

Steppe, H. (1997): The war and nursing in Germany. In: International History of Nursing Journal 1, pp. 10-27.

Steppe, H. (1998): Umsetzung von Pflegetheorien in die deutsche Pflegepraxis, Psych. Pflege Heute 4, S. 182-188.

Steppe, H., E.-M., Ulmer (1999, Hg.): “Ich war von jeher mit Leib und Seele gerne Pflegerin” – Über die Beteiligung von Krankenschwestern an den “Euthanasie”-Aktionen in Meseritz-Obrawalde. Frankfurt am Main: Mabuse.

Steppe, H. (2001, Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. 9. Auflage. Frankfurt am Main: Mabuse.

Steppe, H. (2003): Die Vielfalt sehen, statt das Chaos zu befürchten – Ausgewählte Werke.  Bern: Huber.

Trockel, B., I. Notthoff , M. Knäuper (Hg.) (1999): Who is Who in der Pflege: Deutschland –

 Schweiz – Österreich. Göttingen: Hogrefe.

Ulmer E.-M., S. Kessler, A. Kesselring, E. Seidl (1999): Hilde Steppe. In: Pflege 12, (3), S. 138-140.

Wolff, H.-P. (2001): Steppe, H. In: H.-P. Wolff (Hg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in Nursing history“. Bd. 2. München, Jena: Urban & Fischer, S. 213-214.

 

Hilde Schädle-Deininger

 

Foto: Privatbesitz, Copyright.

 

Zitierweise
Hilde Schädle-Deininger (2020): Steppe, Hilde.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/280-steppe-hilde
(Stand vom:13.07.2020)