Lossa, Ernst
1942
Nachname:
Lossa
Vorname:
Ernst
Epoche:
20. Jahrhundert
Geburtsort:
Augsburg
* 01.11.1929
† 09.08.1944

ZUSATZMATERIAL


Urteil Landgericht Frankfurt 1948
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Opfer der Krankenmorde im Nationalsozialismus

 

Ernst Lossa (1929-1944) wurde am 1. November 1929 in Augsburg geboren. Sein Vater Christian Lossa gehörte der Minderheit der Jenischen an und verdiente sein Geld als Hausierer (v. Cranach 2010, S. 89). Seine Mutter Anna Lossa starb am 24. September 1933 an Lungentuberkulose. Ernst Lossa wuchs zusammen mit einem Bruder und zwei Schwestern auf (mit Amalie Lossa, geb. 1931, verh. Speidel; Anna Lossa, geb. 1932; Christian Lossa, geb. 1933). Nach dem Inkrafttreten des Arbeitszwangsgesetzes vom 29. Dezember 1935 wurde sein Vater vom 25. Januar 1936 bis zum 24. Dezember 1938 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach Angaben von Amalie Lossa sei der Vater in „Schutzhaft“ genommen worden „weil er in einer Wirtschaft über die SS geschimpft habe“, (Römer 1986, S. 18 f.). Ernst Lossa und seine beiden Schwestern wurden daraufhin in der „Kinderbewahranstalt“ Augsburg-Hochzoll untergebracht. In diesem Heim, so erinnerte sich Amalie Lossa, seien sie oftmals, vermutlich aufgrund der Herkunft des Vaters, als „Zigeuner“ diskriminiert worden (ebd. S. 20). Am 15. Februar 1940 wurde Ernst Lossa aufgrund angeblicher „Unerziehbarkeit“ in ein Jugenderziehungsheim in Indersdorf bei Dachau verlegt. Amalie Lossa berichtete: „Er haute schon mal ab, klaute ein Fahrrad, nahm anderen die Butterbrote weg“ (ebd. S. 20). Obwohl ihm ein gut entwickeltes Denkvermögen und ein klarer Verstand zugesprochen wurde, verschlechterten sich Lossas Schulnoten zunehmend. Ausgelöst durch die Schwierigkeiten im Heim wurde ein Gutachten erstellt, das Lossa angebliche „Gemeinschaftsunfähigkeit“ bescheinigte (ebd. S. 21). Daraufhin wurde er am 20. April 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren verlegt (v. Cranach 2012a, S. 478; vgl. Steger 2005).

 

Heil– und Pflegeanstalt Kaufbeuren und Zweiganstalt Irsee

Nach Angaben eines Pflegers sei Lossa ein „aufgeweckter“ und tüchtiger Junge gewesen, der aber „alles zusammenstiehlt und auch sonst allerlei dummes Zeug anstellt“ (zit. nach Römer 1986, S. 21). Von Cranach (2012a, S. 479 f.) druckt ein „psychiatrisches Gutachten über Lossa Ernst“ ab, aus dem hervorgeht, bei Lossa handele es sich um einen „gutmütigen aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen“. Darüber hinaus verkörpere er „den Typus eines Menschen mit angeborner Stehlsucht“. Römer (1986, S. 21) ist der Auffassung, Lossa sei nicht psychisch gestört gewesen.

 

Die Anstalt Kaufbeuren war zu dieser Zeit die größte psychiatrische Fachklinik in Schwaben. Die Klinik war maßgeblich an den sog. „Euthanasie“-Aktionen in Süddeutschland beteiligt. Michael von Cranach (2012a, S. 483) nimmt an, Ernst Lossa habe den systematischen Mord an den Patienten in Kaufbeuren erkannt. Dieser Umstand soll zu seiner Ermordung geführt haben. Lossa wurde am 5. Mai 1943 in die Zweiganstalt Irsee verlegt. Nach Zeugenaussagen sei er am 9. August 1944 unter dem Vorwand, eine Spritze gegen Typhus zu erhalten im Alter von 14 Jahren ermordet worden (v. Cranach 2012a, S. 484). Während er schlief, habe ihm die von dem Anstaltsleiter Valentin Faltlhauser (1876-1961) beauftragte Krankenschwester Pauline Kneissler (1900-?) in Anwesenheit des Pflegers Paul Heichele (1896-1979) Morphium-Skopolamin verabreicht, was schließlich zu seinem Tod am nächsten Tag geführt habe (Schmidt, Kuhlmann, v. Cranach 2012, S. 292; Kolling 2017).

 

Gerichtsprozesse

Am 28. Januar 1948 verurteilte das Landgericht Frankfurt die Krankenschwester Pauline Kneissler zu vier Jahren und den Pfleger Paul Heichele zu zwölf Monaten „Zuchthaus“ (1). Die beiden Krankenschwestern Mina Wörle (1895-1973) und Olga Ritter (1901-1979) erhielten 18 bzw. 21 Monate Gefängnis (vgl. Benedict & Shields 2014). Das Oberlandesgericht Frankfurt bestätigte Kneisslers Strafmaß am 20. Oktober 1948 wegen Mordes und Beihilfe (2). 1949 fand in Augsburg das Verfahren gegen die Verantwortlichen in Kaufbeuren statt (siehe Rüter & de Mildt 2012, S. 175-188, Verfahren Nr. 162, Landgericht Augsburg, Entscheidung Nr. 490730). In der Verhandlung spielte Ernst Lossas Tod eine wichtige Rolle. Valentin Faltlhauser wurde am 30. Juli 1949 wegen Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag in mindestens 300 Fällen zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Gefängnisstrafe wurde jedoch, nach mehrmaliger Aufschiebung wegen Haftunfähigkeit und nach einer Begnadigung durch den bayerischen Justizminister 1954, nie vollstreckt (Harms 2010, S. 408). Vor Gericht gab Faltlhauser an, Lossa sei zum Zweck der „Euthanasie“ nach Kaufbeuren verlegt worden. Sein Tod sei durch den Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden angeordnet worden (Römer 1985, S. 21 f.).

 

Gedenken

In Gedenken an Ernst Lossa und seine Familie wurden im Mai 2017 „Stolpersteine“ vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lossa in der Augsburger Wertachstraße verlegt (Stolpersteininitiative Augsburg 2017). Darüber hinaus wurde im Jahr 2008 eine Straße im Augsburger Stadtteil Pfersee nach Ernst Lossa benannt.

 

2008 veröffentlichte Robert Domes den fiktionalisierten biographischen Roman Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa. Das Buch wurde 2016 unter der Regie von

Kai Wessel 2016 verfilmt.

 

Literatur

Benedict, S., Shields, L. (Hg.) (2014). Nurses and Midwives in Nazi Germany. The "Euthanasia Programs". New York: Routledge.

Cranach, M. v. (2010): Mitwissen und Kooperation. Die Haltung der Anstaltspsychiatrie. In: M. Rotzoll (Hg.): Die nationalsozialistische „Euthanasie"-Aktion „T4" und ihre Opfer. Geschichte und ethische Konsequenzen für die Gegenwart. Paderborn: Schönigh, S. 83-90.

Cranach, M. v. (2012a). Ernst Lossa. Eine Krankengeschichte. In: Cranach, M. v., H. L. Siemen (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. München: Oldenbourg, S. 475-484.

Cranach, M. v. (2012b): Handlungsmotivation der NS-Euthanasieärzte. In: H. Förstl (Hg.): Theory of Mind. Berlin: Springer, S. 253-262.

Cranach, M. v., Eberle, A., Hohendorf, G., S. v. Tiedemann (2018, Hg.): Gedenkbuch für die Münchener Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Göttingen: Wallstein.

Domes, D. R. (2008): Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa. München: cbt.

Harms, I. (2010): Die Gutachter der Meldebogen. Kurzbiografien. In: M. Rotzoll (Hg.): Die nationalsozialistische „Euthanasie"-Aktion „T4" und ihre Opfer: Geschichte und ethische Konsequenzen für die Gegenwart. Paderborn: Schöningh, S. 405-420.

Heberer, P. (2011): Children during the Holocaust. Altamira: Rowman.

Kolling, H. (2017): Heichele, Paul. In: H. Kolling (Hg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. „Who was who in Nursing history“. Bd. 7. Berlin, Wiesbaden: hpsmedia, S. 109-114.

Römer, G. (1986): Die grauen Busse in Schwaben. Wie das Dritte Reich mit Geisteskranken und Schwangeren umging. Augsburg: Wißner.

Rüter, C. F.; de Mildt, D.W. (2012): Justiz und NS-Verbrechen, Bd. V, Verfahren Nr. 148 - 190 (1949). Amsterdam: University of Amsterdam, S. 175-188.

Schmidt, M., Kuhlmann, R., M. v. Cranach (2012): Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. In: Cranach, M. v., H. L. Siemen (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. München: Oldenbourg, S. 265-325.

Steger, F. (2005): Kinder als Patienten der Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Die „Kinderfachabteilung “ in den Jahren 1941-1945. In: Sudhoffs Archiv 89, (2), S. 129-150.

Stolpersteininitiative Augsburg (2017): Erinnerungsblatt 14: Familie Lossa. URL: http://www.vvn-augsburg.de/4_stadtrundgang/Erinnerung/Gedenkblatt014-2017_Familie%20Lossa.pdf

 

Quellen

(1) Landgericht Frankfurt, Urteil wegen Euthanasie gegen Pauline Kneissler u.a., 28. Januar 1948; Staatsarchiv Sigmaringen Wü 29/3 T 1 Nr. 1759/03/09. Permalink: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=6-904690-2.

(2) Oberstaatsanwalt beim Landgericht Frankfurt, Schreiben vom 18. 11. 1948; Staatsarchiv Sigmaringen Wü 29/3 T 1 Nr. 1759/03/09. Permalink: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=6-904690-31.

 

Gereon Frederick Breuer




Zitierweise
Gereon Frederick Breuer (2019): Lossa, Ernst.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/275-lossa-ernst
(Stand vom:13.12.2019)