Laupichler, Klaus
Nachname:
Laupichler
Vorname:
Klaus
Epoche:
20. Jahrhundert
21. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Sozialpsychiatrie
Beratung
Geburtsort:
Göppingen (DEU)
* 06.02.1954
† 16.04.2015
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Psychiatrieerfahrener Aktivist und Publizist.

 

Klaus Laupichler (1954-2015) wurde in Göppingen als Sohn eines Bankkaufmanns geboren. Er hatte eine vier Jahre ältere Schwester, die Mutter war Hausfrau. Bereits als Jugendlicher wurde er alkoholabhängig und versuchte, sich mehrmals das Leben zu nehmen (Laupichler 2011). 1965 kam er erstmals in Kontakt mit der institutionellen Psychiatrie (Peukert 2015; Zinkler 2015). In den folgenden Jahren schloss er die kaufmännische Berufsfachschule ab und begann 1972 in Mühlheim an der Ruhr ein Jahrespraktikum beim Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM). Er wollte als CVJM-Sekretär sozialpädagogisch arbeiten und beendete das Praktikum 1972 nach dem Tod seines Vaters beim CVJM in Esslingen. Zwischen 1974 und 1978 holte er das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg am Laubach-Kolleg der Evangelischen Landeskirche nach. 1975 erfolgte eine stationäre psychiatrische Behandlung. 1979 begann er ein Studium der Evangelischen Theologie an der Eberhard-Karl-Universität in Tübingen, wechselte jedoch zur Pädagogik. Er erhielt das Vordiplom in Erziehungswissenschaften und Soziologie, wurde aber 1987 ohne Abschluss exmatrikuliert (Schädle-Deininger, Peukert & Wagner 2016).

 

Leben in der (Gemeinde-) Psychiatrie

Über den Lebensabschnitt Ende der achtziger Jahre berichtete Laupichler rückblickend selbst: „Gesundheitlich ging es mir immer schlechter und nach dem Vordiplom war ich immer wieder obdachlos, zudem kam zu meiner psychischen Erkrankung eine Suchterkrankung hinzu. Mein Krankheitsbild änderte sich. Während ich schon 1975 während des Laubach-Kollegs wegen Depressionen, einem Suizidversuch und einer Angststörung in stationärer Behandlung war, kamen jetzt manische Phasen hinzu. Da ich es nicht mehr schaffte, ohne Unterstützung vom Sozialamt zu leben, ging ich für lange Zeit freiwillig in ein Landeskrankenhaus in Baden-Württemberg. Im August 1989 kam ich von dort aus in ein psychiatrisches Wohnheim. Ich war depressiv und ohne Hoffnung auf ein lebenswertes und eigenständiges Leben. Die Tagesbeschäftigung war ein Graus und mir wurde nach zwei Jahren gesagt, dass ich für immer im Heim bleiben müsste und dass ich nie mehr als zwei Stunden außerhalb des Heimes verbringen könnte. Durch das mutige Engagement eines Zivildienstleistenden schaffte ich es, in die Werkstatt für Behinderte zu wechseln.

Damit musste ich den Psychiater wechseln und bekam weniger Medikamente. Mit der Hilfe dieses Zivildienstleistenden, eines Kollegen und eines Freundes von ihm, zog ich 1994 aus dem Wohnheim aus und zog in das heimähnliche betreute Wohnen an meinem jetzigen Wohnort. Im März 1995 musste ich die Werkstatt für Behinderte verlassen und aus Kostengründen in die neue Werkstatt für psychisch Kranke am Ort wechseln. Diese Werkstatt verließ ich im Mai 1998, nachdem ich mich weigerte, weiterhin eine verdummende Arbeit für ein Taschengeld zu machen. Im November 1998 zog ich dann auch aus dem Betreuten Wohnen aus, nachdem ich bemerkte, dass ich auch alleine ganz gut zurechtkam.“ (Schädle-Deininger, Peukert & Wagner 2016).

 

Öffentliches Engagement als Psychiatriebetroffener

Seit 1987 lebte Laupichler alkoholfrei und wohnte ab 1998 im schwäbischen Herbrechtingen. Ab 1994 arbeitete er im psychiatrischen Arbeitskreis des Landkreises Heidenheim mit und gründete im gleichen Jahr zusammen mit drei Mitstreitern die Selbsthilfegruppe Radix in Heidenheim. Mit zunehmender Selbständigkeit ergaben sich soziale Kontakte innerhalb und außerhalb des psychiatrischen Hilfesystems (Zinkler 2015). Basierend auf den Erfahrungen im Wohnheim entwickelte Laupichler sich zu einem gefragten „Experten aus Erfahrung“ für den Bereich des betreuten Wohnens (Peukert 2015). 2007 fasste er seine Expertise in dem Fachartikel Der Weg aus dem Heim – aber wie!? 18 Bitten und Hinweise zusammen. Zudem war er aktives Mitglied im Fachausschuss „Menschen in Heimen“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (Schädle-Deininger, Peukert & Wagner 2016, S. 65 f.).

Laupichler wollte, dass Psychiatrie-Erfahrene in der klinischen Praxis und in der Gemeindepsychiatrie selbstverständlicher mitarbeiten. Als „Dolmetscher“ zwischen Betroffenen und Professionellen stellte er sein Erfahrungswissen zur Verfügung. Das Wissen der Psychiatrie-Erfahrenen sei gleichrangig gegenüber dem Wissen der Professionellen – nur so könne ein wirklicher „Trialog“ entstehen und „uns alle vor der Rückkehr zu ‚elenden, unwürdigen Zuständen‘ in der Psychiatrie bewahren“ (Laupichler & Osterfeld 2012, S. 200). Laupichler vertrat seinen Standpunkt als Dozent in zahlreichen Fort- und Weiterbildungen, in Projekten mit Schülern und ab 2009 als Peer-to-Peer-Berater in dem Projekt „Betroffene beraten Betroffene“ am Klinikum Heidenheim (Lehmann 2016). 2011 erhielt er das Zertifikat als EX-IN-Genesungsbegleiter (Höflacher 2015).

 

Zudem engagierte er sich in etlichen Gremien, Verbänden und Arbeitsgemeinschaften für eine humane Psychiatrie. Er war Mitglied der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Soteria (IAS), der Aktion Psychisch Kranke (APK) und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) (vgl. Mayer 2015). 1996 trat er dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) bei und war dort von 2000 bis 2006 im geschäftsführenden Vorstand tätig. Er gehörte dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz (LVPE RLP) an und seit 1998 dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg (LVPE BW), dessen 1. Vorsitzender er von 2010 bis 2015 war.

 

Auseinandersetzung über Zwangsmaßnahmen                                                                                  

Nach sechs Jahren im Vorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener bis 2006 kandidierte er 2008 erneut für das Amt, zog sich jedoch nach Konflikten mit einem Gegenkandidaten zurück. 2012 wurde er im Zuge von Positionskämpfen über die Beurteilung von psychiatrischen Zwangsmaßnahmen innerhalb des BPE-Vorstandes aus dem Verband ausgeschlossen (vgl. Lehmann 2012).

Klaus Laupichler trat für eine Psychiatrie mit möglichst minimalen Zwangsmaßnahmen ein. Er sprach sich grundsätzlich gegen psychiatrischen Zwang aus, berichtete jedoch aus der eigenen Lebensgeschichte, dass ihm eine Zwangsunterbringung wahrscheinlich das Leben gerettet habe. Nach der Einschätzung von Peter Lehmann (2016, S. 133) habe dies eine Wende in seinem Leben dargestellt, das „zuvor […] durch Obdachlosigkeit, Mangelernährung, Alkoholmissbrauch, Nikotinabhängigkeit, Hoffnungslosigkeit und Aggressivität bestimmt gewesen“ sei. Laupichler (2011, S. 17) resümierte seine Sichtweise folgendermaßen: „…in einer psychotischen Zeit hört man oft die Flöhe husten und dann ist das Vertrauen weg. Dann muss ich mir eingestehen, dass der Zwang besser ist als wieder einmal ein böses Erwachen.“

 

Im Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg arbeitete er an einer Stellungnahme mit, in der Zwangsmaßnahmen bei „krankheitsbedingter Einsichtsunfähigkeit“ und gleichzeitig vorliegender deutlicher „Gefährdung der Gesundheit“ nur als letztes Mittel gerechtfertigt wurden (Lehmann 2016, S. 132). Nach dem Ausschluss aus dem BPE wurde Laupichler – auch angesichts seines Widerstands gegen fundamentalistische Positionen – erneut zum 1. Vorsitzenden des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener in Baden-Württemberg gewählt (Schädle-Deininger, Peukert & Wagner 2016, S. 21 f.). Bis zuletzt führte er Workshops, Seminare und Fortbildungen durch. 2015 verstarb Laupichler im Alter von 61 Jahren an einem Herzinfarkt auf einer Tagung in Berlin-Erkner.

 

2016 veröffentlichte der Psychiatrie-Verlag in Köln einen umfangreichen Gedenkband (Schädle-Deininger, Peukert & Wagner 2016), in dem etliche Beiträge von Klaus Laupichler dokumentiert sind.

 

Literatur

Höflacher, R. (2015): Nachruf auf Klaus Laupichler. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinande - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag 2016, S. 156-158.

Klafki, H. (2005): E-Mail an Klaus Laupichler (vom 30. März 2005). In: H. Klafki. „Meine Stimmen - Quälgeister und Schutzengel. Texte einer engagierten Stimmenhörerin“. Berlin: Antipsychiatrieverlag, S. 139-140.

Kummer, S. (2011): Psychiatrieerfahrene als Partner. In: Heidenheimer Zeitung vom 29. Oktober 2011 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 75-76].

Laupichler, K.: (2001): „Wir machen alles viel besser“ - Resümee eines Heim- Erfahrenen. In: Soziale Psychiatrie 25, (2), S. 24-25 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 22].

Laupichler, K.: (2004): Sex and Drugs and Rock’n’Roll. Die Bedarfe und Bedürfnisse von Psychiatrie-Erfahrenen und die Schwierigkeiten, sie im Heim zu leben. In: Soziale Psychiatrie 28, (4), S. 11-14 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 29-32].

Laupichler, K., W. Voigtländer (2005): Nutzerbeteiligung in einer psychiatrischen Klinik: Kontinuierliche Formen der Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie-Erfahrenen und den Mitarbeitern der Klinik sind wichtig. In: Kerbe 23, (4), S. 10-12 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 48-50].

Laupichler, K.: (2007): Raus aus der Chronizität - Ein skeptischer Aufschrei. In: Soziale Psychiatrie 31, (3), S. 20 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 28].

Laupichler, K.: (2007): „Ich bin skeptisch …“. Community Living - wie kann das funktionieren? In: Soziale Psychiatrie 31, (1), S. 22-23 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 26-27].

Laupichler, K.: (2010): „Ich wollt‘, ich könnte zu Hause sein“ - Aus dem Innenleben der psychiatrischen Station - Erlebtes und Erfahrenes. In: Soziale Psychiatrie 34, (4), S. 13-15 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 33-35].

Laupichler, K.:(2010): In Ängsten - und siehe: ich lebe. In: In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander. Chance voneinander zu lernen - zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag, S. 36-40.

Laupichler, K. (2011): So manches möchte ich ungeschehen machen. In: Kerbe 29, (3), S. 16-17 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 46-47].

Laupichler, K.: (2011a): Ein guter Zuhörer sein und Mut zusprechen. Peer-Beratung im Krankenhaus - Ein Erfahrungsbericht. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander. Chance voneinander zu lernen - zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie Verlag 2016, S. 24-25.

Laupichler, K., M. Osterfeld (2012): Beachtung der Patientenwünsche und Patientenrechte. In: Aktion Psychisch Kranke, P. Weiß, A. Heinz (Hg.): Tagungsdokumentation. Gleichberechtigt mittendrin - Partizipation und Teilhabe. Köln: Psychiatrie-Verlag, S. 199-201.

Laupichler, K., H. Schädle-Deininger (2012): Arbeitsfelder für Experten aus Erfahrung. In: praxiswissen psychosozial 8, S. 18-21 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 38-40].

Anonym [K. Laupichler: (2014): Abhängigkeit, Sucht und Obdachlosigkeit. In: praxiswissen psychosozial 17, S. 16-20 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 41-44].

Laupichler, K. (2014): Gegen das Vergessen. Aus der Geschichte lernen. In: praxiswissen psychosozial 19, S. 50 [wieder abgedruckt in: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner 2016, S. 45].

Lehmann, P. (2012): Zum Antrag von Renate Bauer und Heidi Höhn gegen den Ausschluss von Klaus Laupichler. In: Rundbrief des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener, 3, S. 24-25.

Lehmann, P. (2012a): Stellungnahme beim Arbeitskreis »Zwangsmaßnahmen in der psychiatrischen Versorgung« der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer. In: F.-J. Wagner, C. Hoffmann, W. Kluck, H.-W. Krolla, B. Schuler (Hg.): Leuchtfeuer; Sonderausgabe, S. 9-24.

Lehmann, P. (2016): Ketzerische Gedanken zur Selbsthilfebewegung anlässlich des Todes von Klaus Laupichler. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag, S. 130-136.

Mayer, C. (2015): Klaus Laupichler in Berlin gestorben. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie Verlag, S. 153.

Peukert, R. (2015): Nachruf für Klaus Laupichler. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag, S. 152.

Schädle-Deininger, H., R. Peukert, F.-J. Wagner (2016, Hg.): Trialogisches Miteinander. Chance voneinander zu lernen - zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Südland, N. (2015): Nachruf von Norbert Südland. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag 2016, S. 154-155.

Wagner, F.-J., (2015): Zum Tod von Klaus Laupichler. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag 2016, S. 151.

Zinkler, M. (2015): Nachruf Klaus Laupichler. In: H. Schädle-Deininger, R. Peukert, F.-J. Wagner (Hg.): Trialogisches Miteinander - Chance voneinander zu lernen. Zum Gedenken an Klaus Laupichler. Köln: Psychiatrie-Verlag 2016, S. 155-156.

Zinkler, M., K. Laupichler, M. Osterfeld (2016): Prävention von Zwangsmaßnahmen. Menschenrechte und therapeutische Kulturen in der Psychiatrie. Köln: Psychiatrie-Verlag.

 

Hilde-Schädle-Deininger, Annette Baum

 Foto: HSD, Copyright.

Zitierweise
Hilde-Schädle-Deininger, Annette Baum (2016): Laupichler, Klaus.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/248-laupichler-klaus
(Stand vom:11.12.2018)