Conti, Adalgisa
Nachname:
Conti
Vorname:
Adalgisa
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Sonstige
Geburtsort:
Pieve Santo Stefano (ITA)
* 28.05.1887
† 01.01.1970
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Italienische Anstaltsinsassin.

 

Adalgisa Conti (1887-1983) wurde in Pieve Santo Stefano (Toskana) geboren. Als zweite Tochter einer Volksschullehrerin und eines vermutlich alkoholabhängigen Musiklehrers absolvierte sie die Grundschule und war zugleich für sieben Geschwister mitverantwortlich. Sie galt als empfindsames und „anämisches“ Mädchen und war offenbar bis in die Jugend mehrfach sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Kurz nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1903 lernte sie mit sechzehn Jahren Probo Palombini kennen, einen Drucker, den sie mit 24 Jahren heiratete. Conti schildert ihn in ihrer Autobiographie als attraktiv, aber herzlos, sie fühlte sich in der Ehe vernachlässigt und unbefriedigt (vgl. Niemann 1996). Nachdem sie sich in dieser Situation in einen Musiklehrer verliebte, wurde sie depressiv und entwickelte unkorrigierbare Schuld- und Verfolgungsideen. Im November 1913 wurde sie akut suizidal in die Irrenanstalt von Arezzo gebracht und dort u.a. mit Opiumextrakt behandelt. Ende Februar besserte sich ihr Zustand, sie wurde nicht mehr zwangsernährt und arbeitete.

 

Die Selbstbiographie

Mit Datum vom 25. März 1914 schrieb sie in klarer, knapper Prosa eine Selbstbiographie für ihren Arzt Viviani. Der Text wurde 1978 unter dem Titel Gentilissimo sig. dottore questa è la mia vita veröffentlicht. Conti (1978/1979, S. 18) schilderte ihr Leben bis zum Tag der Einweisung mit schuldhaften Selbstbezichtigungen, aber auch mit dem klaren Wunsch nach weiblicher Autonomie: „Ich habe immer ein stolzes Wesen gehabt, und mich wenig unterwürfig und ergeben gezeigt.” Im April 1914 wurde sie in die Unruhigenabteilung verlegt, obwohl die Familie mehrfach versuchte, sie nach Hause zurückzuholen. 1920 wurde eine „Dementia praecox” attestiert. Drei Jahre später schien sie dauerhaft verwirrt (Della Mea 1978/1979, S. 70). In den vierziger Jahren arbeitete sie teils als Putzhilfe in der Anstalt, ihr Zustand galt als schizophrener, „terminaler Schwachsinn”. 1955 wurde sie entmündigt. In den sechziger Jahren baute sie noch eine enge Beziehung zu einer Mitpatientin auf. Anfang der siebziger Jahre wurde die Anstalt von einem Team um Agostino Pirella (1998) reformiert. An den Klinikversammlungen habe Conti, mittlerweile fast taub, sich nicht aktiv beteiligt. 1977 wurde sie probeweise für drei Tage entlassen. 1983 starb Adalgisa Conti im Alter von 96 Jahren in der Anstalt in Arezzo, in der sie 69 Jahre gelebt hatte.

 

Rehistorisierung

Contis Schicksal gilt als exemplarisch für das Ausmaß der „institutionellen Regression“ von Patienten in den italienischen Anstalten des 20. Jahrhunderts. Die Rehistorisierung („verifica“) von Krankengeschichten zu Lebensgeschichten wurde zu einem zentralen Konzept von Franco Basalgias Demokratischer Psychiatrie (1969; 1971). Piero Jozzia (1978/1979, S. 89), Contis letzter Arzt, schrieb: „So ist es Adalgisa Conti durch ihre Autobiographie nach 65 Jahren gelungen, ihre verlorene Sprache wiederzufinden und die Institution zu zwingen, sich mit ihrem Standpunkt, ihrem Wertsystem, ihrer Kultur, nämlich mit der von ihr geschriebenen Geschichte ihres Lebens und ihrer ‘Krankheit’ auseinanderzusetzen.“

 

Adalgisa Contis Geschichte ist u.a. für das Theater bearbeitet worden (Melancholisches Syndrom, Jeiny Cortés, Berlin 2012/13; Baliani, Crippa & Ghiglione 2000: Lola che Dilati la camicia, Teatro elfo puccini, Milano 2014).

 

Literatur

Baliani, M., C. Crippa, A. Ghiglione (2000): Lola che dilati la camicia. In: A. Conti: Gentilissimo sig. dottore questa è la mia vita. Manicomio 1914. Mailand: Jaca Book.

Basaglia, F. (1968): Die negierte Institution oder die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Basaglia, F., F. Basaglia-Ongaro (1971): Die abweichende Mehrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bassanese, N. (1978): “Gent Sig. Dottore, questa è la mia vita". In: lotta continua, martedì 12 dicembre (Rezensioni), S. 11.

Conti, A. (1978): Manicomio 1914. Gentilissimo sig. dottore, questa é la mia vita. A cura di Luciano Della Mea. Milano: Mazzotta. [Dtsch.: Conti, A.: Im Irrenhaus. Sehr geehrter Herr Doktor. Dies ist mein Leben. Frankfurt am Main: Neue Kritik 1979].

Della Mea, L. (1978): Chronologie des Anstaltsaufenthaltes Adalgisas, rekonstruiert aus der Krankenkartei 1913-1970. In: A. Conti (1979): Im Irrenhaus. Sehr geehrter Herr Doktor. Dies ist mein Leben. Frankfurt am Main: Neue Kritik, S. 50-74.

Jozzia, P. (1979): Die negierte Interpretation. In: A. Conti (1979): Im Irrenhaus. Sehr geehrter Herr Doktor. Dies ist mein Leben. Frankfurt am Main: Neue Kritik, S. 87-92.

Niemann, S. (1996): „Ich habe immer ein stolzes Wesen gehabt“. In: S. Duda, F. Pusch (Hg.): WahnsinnsFrauen, Bd. 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.187-222.

Pirella, A. (1998): Ein schwieriger Weg. Zwanzig Jahre Psychiatriereform in Italien. In: Sozialpsychiatrische Informationen 28, (3), S. 22-28.

Schlesiak, D. (1979): Nachwort. In: A. Conti: Im Irrenhaus. Sehr geehrter Herr Doktor. Dies ist mein Leben. Frankfurt am Main: Neue Kritik, S. 121-134.

 

Burkhart Brückner

 

Zitierweise
Burkhart Brückner (2015): Conti, Adalgisa.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/22-conti-adalgisa
(Stand vom:11.12.2018)