Kempe, Margery
British Library, MS Add. 61823, fol. 19r
Nachname:
Kempe
Vorname:
Margery
Epoche:
vor 1700
Arbeitsgebiet:
Sonstige
Geburtsort:
Norfolk (ENG)
Biographie drucken

Englische Mystikerin.

 

Margery Kempe (1373-1440) wurde in Norfolk, England, als Tochter des Bürgermeisters von Lynn geboren. Im höheren Lebensalter diktierte sie als Analphabetin ihre Lebensgeschichte einem geistlichen Schreiber. Das daraus entstandene, erst 1936 wiederentdeckte Book of Margery Kempe gilt als die früheste erhaltene englischsprachige Autobiographie. Der umfangreiche Text ist ein aufschlussreiches Zeugnis für den Alltag einer christlichen Idealen verbundenen Frau im England des späten Mittelalters. Aufgrund ihrer zahlreichen Berichte über ekstatische und visionäre Erfahrungen und Krisen wurde der Text auch im psychiatriehistorischen Zusammenhang diskutiert.

 

Lebensweg

Verheiratet mit zwanzig Jahren, erlebte Kempe kurz nach der angstbesetzten Geburt ihres ersten Kindes eine schwere achtmonatige Krise mit Teufelsvisionen, die sie mit einer nie benannten Sünde aus ihrer Jugend in Zusammenhang brachte. In den darauf folgenden Jahren scheiterten zwei Versuche, sich mit der Gründung einer Brauerei und eines Müllereibetriebes als Unternehmerin selbständig zu machen. Im Verlauf ihrer Ehe versuchte sie mehrfach, ihren Mann davon zu überzeugen, ein keusches Eheleben zu führen. Erst nach den Geburten weiterer 13 Kinder konnte sie durch einen Vertrag mit ihrem Ehemann die sexuelle Beziehung zu ihm beenden und sich einem kontemplativen Lebensstil zuwenden. Nachdem ihr Vater 1413 starb, zog Margery Kempe sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Mehrere Visionen von Zwiesprachen mit Jesus und der Gottesmutter Maria zeigten ihr im Sinne einer mystischen Bekehrung ihre wahre Bestimmung und Berufung zur christlichen Pilgerin auf Lebenszeit. Auf dem Rückweg von einer Pilgerfahrt nach Rom und Jerusalem im Jahr 1414 erlebte sie die visionäre Vereinigung und „Heirat“ mit Christus (Ohnesorg 1999, Porter 1988).

 

Spirituelle Visionen oder psychopathologische Symptome?

Nach ihrer Rückkehr traten wiederholt Schreianfälle auf, die auch während weiterer Pilgerfahrten über zehn Jahre lang anhielten. Ihre Gewissenskämpfe über eigene und fremde Sünden sowie das Erleben von visionären Anfechtungen des Teufels führten zu heftigen Selbstzweifeln und auch schweren melancholischen Episoden (Kempe 2000, S. 281-283). Sie beschrieb Erfahrungen des Außer-sich-Seins („out of mind“), diverse Visionen von Personen, Gesängen und Melodien, Gerüchen, Licht- und Feuererscheinungen oder fliegenden Gegenständen sowie mehrfach Erlebnisse des körperlichen Kontrollverlustes und starke Hitzeempfindungen. In der Regel verschlechterte sich ihr Zustand jedesmal nach der Heimkehr nach Lynn, so dass eine weitere Pilgerfahrt angezeigt schien.

 

Ihre Angehörigen und Mitbürger reagierten teils mit Misstrauen und diskutierten sowohl pathologische als auch spirituelle Erklärungen für ihr ungewöhnliches Verhalten (Aers 2001). 1417 konnte eine Anklage wegen des Verdachts auf Ketzerei verhindert werden. Bis 1434 unternahm sie weitere Reisen, zuletzt über Norwegen nach Danzig und Aachen. Zu den in ihrem Buch geschilderten, abenteuerlichen Reiseerlebnissen innerhalb Europas und Asiens zählen vielfach visionäre Begegnungen mit Heiligen. Ihre autobiographischen Texte ergänzte und überarbeitete sie 1436 und 1438 zusammen mit einem Geistlichen. 

 

Margery Kempe gilt heutigen Interpreten als Mystikerin, aber im psychiatriegeschichtlichen Kontext mitunter auch als „Wahnsinnige“. Als retrospektive Diagnosen wurden u. a. „Hysterie“, „bipolare Störung“ oder „postnatale Psychose“ genannt (Jefferies & Horsfall 2014, Freeman, Bogarad & Sholomskas 1990). Aus historischer Sicht sollten allerdings die in der damaligen Zeit geltenden Kriterien der sozialen Geltung mystischer Erfahrungsweisen und die Bandbreite der zeitgenössischne Deutungsmuster berücksichtigt werden (vgl. Brückner 2007, S. 127 f.). Bemerkenswert ist Kempes Lebensweise als Frau, die trotz ihrer Ausnahmeerfahrungen ein eigenständiges Lebenskonzept finden konnte (Ohnesorg 1999).

 

Ein Projekt der Southeastern Louisiana University stellt unter der Leitung von Joel Fredell eine digitale Faksimilie-Edition des einzigen erhaltenen Exemplars des Buchs von Margery Kempe aus der British Library (MS Add. 61823) zur Verfügung

 

Literatur

Aers, D. (2001): „The Making of Margery Kempe. Individual and Community. In: L. Staley (Hg.): The Book of Margery Kempe. London: Norton and Company, S. 256-264.

Brückner, B. (2007): Delirium und Wahn – Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. Bd. 1: Vom Altertum bis zur Aufklärung. (Schriften zur Wissenschaftsgeschichte, Band XXII). Hürtgenwald: Pressler.

Clarke, B. (1975): Mental Disorder in Earlier Britain. Cardiff: University of Wales Press.

Craun, M. (2005): Personal Accounts. The Story of Margery Kempe. Psychiatric Services 56, (6), S. 655-656.

Dinzelbacher, P. (2002): Himmel, Hölle, Heilige. Visionen und Kunst im Mittelalter. Darmstadt: Primus.

Drucker, T. (1972): Malaise of Margery Kempe. In: New York State Journal of Medicine, 72, (23), S. 2911-2917.

Freeman, P. R., C. R. Bogarad, D. E. Sholomskas (1990): Margery Kempe. A new theory. The inadequacy of hysteria and postpartum psychosis as diagnostic categories. In: History of Psychiatry 1, (2), S. 169-190.

Ganz-Blättler, U. (1990): Andacht und Abenteuer. Berichte europäischer Jerusalem- und Santiago-Pilger. (1320-1520). Tübingen: Narr.

Jefferies, D., D. Horsfall (2014): Forged by Fire. Margery Kempe's Account of Postnatal Psychosis. In: Literature and Medicine 32, (2), S. 348-364.

Kempe, M. (2000): The Book of Margery Kempe. Edited by B. A. Windeatt. Harlow: Longman.

Kroll, J., B. Bacharach (1982): Medieval visions and contemporary hallucinations. In: Psychological Medicine 12, (4), S. 709-721.

Matejovski, D. (1996): Das Motiv des Wahnsinns in der mittelalterlichen Dichtung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ohnesorg, S. (1999): Margery Kempe (um 1373 - um 1440). Waghalsige Gratwanderungen. In: S. Duda, L. F. Pusch (Hg.): Wahnsinnsfrauen. Bd. 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 9-44.

Peterson, D. (1982): A Mad People’s History of Madness. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press.

Porter, R. (1988): Margery Kempe and the Meaning of Madness. In: History Today 38, (2), S. 39-44.

Torn, A. (2008): Margery Kempe. Madwoman or Mystic. A Narrative Approach to the Representation of Madness and Mysticism in Medieval England. In: D. Robinson: Narrative and Fiction. An Interdisciplinary Approach. Huddersfield: University of Huddersfield, S. 79-89.

 

Catharina Bonnemann, Burkhart Brückner

 

Foto: British Library. Quelle: Southeastern Louisiana University. Lizenz: gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Catharina Bonnemann, Burkhart Brückner (2015): Kempe, Margery.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/184-kempe-margery
(Stand vom:11.12.2018)