Cheyne, George
Nachname:
Cheyne
Vorname:
George
Epoche:
vor 1700
18. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Psychosomatik
Geburtsort:
Auchencreive, Methlick, Aberdeenshire (ENG)
† 12.04.1743
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Schottischer Arzt des 18. Jahrhunderts.

 

George Cheyne (1672-1743) wurde in Methlick (Aberdeenshire) in eine wohlhabende Familie geboren. Er praktizierte langjährig und erfolgreich als Arzt im englischen Badeort Bath. Cheyne gilt als Vorreiter des Vegetarismus und als Wegbereiter moderner Konzepte der „Nervosität“ und Hypochondrie.

 

Lebensweg

Cheyne genoss eine privilegierte und liberale Erziehung. Während des Medizinstudiums in Edinburgh beeinflusste ihn vor allem sein Lehrer Archibald Pitcairne. 1701 promovierte er an der University of Aberdeen und zog anschließend nach London. 1702 gründete er dort eine Praxis, wurde Mitglied der Royal Society und schloss er sich dem Kreis um Isaac Newton an. Sein ausschweifender Lebensstil führte zwischenzeitlich zu einem Körpergewicht von über 200 kg (Cheyne 1733, S. 342), er wurde kurzatmig und lethargisch. 1705 litt er unter krampfartigen Symptomen („vertiginous Paroxysms“), die möglicherweise Vorboten eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts waren. 1707 konsultierte er auf kollegialen Rat hin den Arzt Dr. Tayler in Croydon, der ihm eine asketische Ernährungsweise empfahl (vegetarische Kost, Milchprodukte, keinen Alkohol oder Fleisch; vgl. Richardson 2013). Cheyne änderte seine Lebens- und Ernährungsgewohnheiten radikal, daraufhin normalisierten sich Gewicht und Gesundheit. 1719 wechselte er mit seiner Praxis in den Badeort Bath und behandelte zahlreiche prominente Patienten (u. a. David Hume). Wiederholt, insbesondere zwischen 1723 und 1725, erlitt Cheyne teils heftige Rückfälle mit Fieber- und Gichtattacken, Geschwürbildungen, Wundrose und depressiven Zuständen. Er starb ohne schwerwiegendere körperliche Beeinträchtigungen mit 71 Jahren in Bath.

 

Kulturelle Bedingungen seelischen Leidens und diätetische Behandlung

Das 1725 erschienene An Essay on Health and Long Life wurde Cheynes erfolgreichstes und einflussreichstes Werk. Er propagierte darin die Vorzüge des Vegetarismus, der Alkohol-Abstinenz und der körperlichen Ertüchtigung. Ärztliche Kollegen, insbesondere innerhalb der Royal Society, nahmen das Buch kontrovers auf. Dem mit dem Spitznamen „Dr. Diet” bedachten Cheyne wurde angelastet, medizinische Belange aus ärztlicher Hand in die Verantwortung der Patienten zu geben.

 

Als weiteres Hauptwerk Cheynes gilt The English Malady: or, A Treatise of Nervous Diseases of all Kinds, as Spleen, Vapours, Lowness of Spirits, Hypochondriacal and Hysterical Distempers von 1733. Cheyne behauptete eine besondere Anfälligkeit der englischen Bevölkerung für nervöse Störungen und entwarf ein sensualistisches, nervenphysiologisches und milieutheoretisches Konzept. Er definierte: „ … diese Krankheiten werden hauptsächlich und richtigerweise nervös genannt, deren Symptome besagen, dass das System der Nerven und ihre Fibern offensichtlich erschlafft und gestört sind“ (Cheyne 1733, S. 14). Die nervösen Symptome seien auf Ablagerungen und Verstopfungen in den als Bündel hohler Fasern gedachten Nervenkanälen zurückzuführen. Durch die beeinträchtigte Spannkraft und Schwingungsfähigkeit komme es zu Lethargie, Krämpfen und Krankheiten. Um die Nerven zu revitalisieren, empfahl er Medikamente (z. B. Bittergetränke, Öle, Quecksilber), leichte vegetarische Kost und viel Bewegung (vgl. Cheyne 1742, S. 57-133). Er demonstrierte die Wirkung solcher Kuren im dritten Teil von The English Malady am eigenen Fall auf vierzig Seiten unter dem Titel The Case of the Author (S. 325-364).

 

George Cheyne war ein Theoretiker der Zivilisationskrankheiten und führte sie auf den zunehmenden Wohlstand und das Phlegma des englischen Bürgertums zurück. Seine nervenphysiologischen und milieutheoretischen Konzepte samt naturheilkundlichen Kuren lösten die älteren theologischen und humoralpathologischen Vorstellungen über das Wesen und die Behandlung von Melancholie und Hypochondrie ab.

 

Literatur

Cheyne, G. (1702): A new theory of acute and slow continu'd fevers. 2. Aufl. Cornhill: Strahan.

Cheyne, G. (1705): Philosophical Principles of Natural Religion. Cornhill: Strahan.

Cheyne, G. (1715): Philosophical Principles of Religion. Natural and Revealed. In Two Parts. Cornhill: Strahan.

Cheyne, G. (1724): An Essay of Health and Long Life. Cornhill: Strahan.

Cheyne, G. (1733): The English Malady: or, A Treatise of Nervous Diseases of all Kinds, as Spleen, Vapours, Lowness of Spirits, Hypochondriacal and Hysterical Distempers. Cornhill, Bath: Strahan, Leake.

Cheyne, G. (1740): An Essay on Regimen, Together with Five Discourses, Medical, Moral, and Philosophical: Serving to Illustrate the Principles and Theory of Philosophical Medicin, And point out Some of its Moral Consequences. Cornhill: Strahan.

Cheyne, G. (1742): The Natural Method of Cureing the Diseases of the Body and the Disorders of the Mind Depending on the Body. Cornhill: Strahan, Knapton.

Gerabek, W. E., B. D. Haage, G. Keil, W. Wegner (2004): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin: de Gruyter.

Guerrini, A. (2000): Obesity and Depression in the Enlightenment. The Life and Times of George Cheyne. Norman: University of Oklahoma.

Ingram, A. (1998): Patterns of Madness in the Eighteenth Century. A Reader. Liverpool: Liverpool University Press, S. 83-92.

Porter, R. (1995): Medicine in the enlightenment. Amsterdam: Rodopi.

Richardson, S. (2013): Correspondence with Edward Cheyne and Thomas Edwards. Cambridge: Cambridge University Press.

Shuttleton, D. E. (1992): „My Own Crazy Carcase”. The Life and Works of Dr George Cheyne (1672-1743). Inauguraldissertation. University of Edinburgh.

 

Catharina Bonnemann, Burkhart Brückner

 

Foto: John Faber, Jr., 1732 / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain]. 

 

Zitierweise
Catharina Bonnemann, Burkhart Brückner (2015): Cheyne, George.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/172-cheyne-george
(Stand vom:30.04.2017)