Bernd, Adam
Nachname:
Bernd
Vorname:
Adam
Epoche:
vor 1700
18. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Philosophie
Sonstige
Geburtsort:
Siebenhufen (DEU)
* 31.03.1676
† 05.11.1748
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(Psd. Christianus Melodius) Evangelischer Prediger, Melancholiker und Autobiograph.

 

Adam Bernd (1676-1748) wurde als jüngster Sohn von Kohlbauern in Siebenhufen bei Breslau geboren. Er war evangelischer Pfarrer und Prediger an der Leipziger Peterskirche. Aufgrund kirchenkritischer Äußerungen wurde er 1728 vom Amt suspendiert. Seine 1738 veröffentlichte Eigene Lebens-Beschreibung gilt als Klassiker der deutschsprachigen Melancholieliteratur und Autobiographik in der Frühaufklärung.

 

Lebensweg

Bernd wuchs in einfachsten Verhältnissen im kleinbäuerlichen Milieu auf. Es gelang ihm, mit Hilfe finanzieller Unterstützung durch reiche Kaufleute 1687 eine Schulausbildung am renommierten Breslauer Elisabetheum aufzunehmen (Papior & Rowińska-Januszewska 2001, S. 205). Sein Lehrer Caspar Neumann wird dem Kreis der Breslauer Frühaufklärung zugeordnet. Exzellente Leistungen ermöglichten ihm 1699 den Beginn des Studiums der Theologie an der Universität Leipzig, wo er bereits nach zwei Jahren den Magistertitel erwarb. Ab 1701 hielt er Privatseminare und Vorlesungen an der Leipziger Universität und versuchte sich parallel als Gelegenheitsprediger. Nach Jahren beruflicher Unsicherheit wurde er 1709 Prediger an der St. Peter Kirche in Leipzig. Als Oberkatechet war Bernd, vermutlich wegen seiner unorthodoxen Art zu predigen, insbesondere unter dem Leipziger Patriziat sehr populär (Gottsched 2007, S. 12).

 

In zwei 1722 und 1728 veröffentlichten Traktaten kritisierte Bernd die Praxisferne der Kirche. Seine 1728 unter dem Pseudonym Christianus Melodius veröffentlichte Schrift Einfluß der Göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das ganze Leben des Menschen relativierte Luthers Rechtfertigungslehre, setzte auf das Prinzip der Willensfreiheit und wurde umgehend als indifferentistisch und katholisierend verboten (Papiór & Rowińska-Januszewska 2001, S. 206). Bernd wurde aus dem Amt entlassen und mit einem Berufsverbot belegt. Nach einem Widerruf seinerseits erhielt er eine Pension auf Lebenszeit (Gottsched 2010, S. 12). Er beschränkte sich fortan auf das Schreiben und hatte einigen publizistischen Erfolg. Bernd veröffentlichte zwanzig theologische Schriften, 1742 folgte eine Fortsetzung der Autobiographie und 1745 ein dritter Teil. Er starb im Alter von 73 Jahren an einem Schlaganfall.

 

Selbstdarstellung als Melancholiker und Hypochonder

Adam Bernd litt seit seinem zwanzigsten Lebensjahr unter gravierenden und wiederkehrenden melancholischen Verstimmungen. Insgesamt erlebte er sechs, teils Jahre andauernde und von Suizidgedanken begleitete Krisen (Brückner 2007, S. 401 ff.). Seine 1738 veröffentlichte Eigene Lebens-Beschreibung war eine in der damaligen Literatur neuartige Form der Selbstanalyse, in der er schonungslos intime Details über zahlreiche „Leibes- und Gemüthsplagen“ offenlegte (u. a. Appetitlosigkeit, Verstopfung, Magenschmerzen, Herzrasen, Hitzeempfindungen; Bernd 1738/1973, § 102, S. 260). Die Symptome führte er auf eine melancholische Konstitution, aber auch auf soziale Kränkungen, etwa durch die Mutter, seit der frühen Kindheit zurück (vgl. Killy 2005, S. 400 ff.).

 

Die Beschwerden spitzten sich regelmäßig im Frühjahr und Sommer zu, etwa 1704: „In Feiertagen, und um dieselben, sind die Anfechtungen insgemein am stärksten, weil die ordentlichen Berufs-Werke, nicht wie sonst, das Gemüte auf etwas anderes lenken, sondern der Mensch an mehr geistliche Dinge zu gedenken veranlasset wird, so die Seele angehen; und auch wohl, weil der Teufel zu solcher Zeit mehr als sonst trachtet, solchen Christen ihre Freuden-Tage in Trauer-Tage zu verwandeln. …  Nach den Feiertagen, weil ich kein Collegium bis Trinitatis wieder anfieng, und in der Angst herum lief, wußte ich kaum, wo ich vor Jammer und Seelen-Not bleiben sollte. Wenn die Angst, und das Herz- Drücken am größten, so fiel mir zuweilen wider meinen Willen schnell ein: Ja, wenn du nur schon in der Höllen wärest, so wüßtest du doch, wie viel es wäre, was du jetzt noch zu fürchten hast; welches derjenige Einfall ist, der unter allen anderen meiner Seelen am wehesten getan hat.“ (Bernd 1738/1973, § 57, S. 141).

 

Unter anderem konsultierte Bernd den Mediziner Georg Ernst Stahl, der eine „malade imaginaire“ („eingebildete Krankheit“ bzw. Hypochondrie) feststellte – was Bernd bestritt – und dagegen Aderlässe und Medikamente verschrieb. Bernd selbst verstand seine Gedankenwelt entgegen der üblichen theologischen Auffassung nicht nur als Sünde, sondern auch als Folge einer krankhaften Verfassung und biographischer Ereignisse. Ein Deutungsspektrum zwischen Theologie und Medizin ist typisch für die Melancholieliteratur der Frühaufklärung (vgl. Niggl 1989, S. 387; Schings 1977; Pascal 1960, S. 47). Bernds Berufs- und Autobiographik stand damit im Schnittpunkt der älteren theologischen Psychologie und der im 18. Jahrhundert aufkommenden säkular-realistischen Anthropologie. Er qualifizierte sich zu einem „geistlichen Arzt“ in eigener Sache und wollte seine Erfahrungen ausdrücklich als Studienmaterial für Ärzte publizieren, aber auch als Hilfe für Gleichbetroffene (Bernd 1738/1773, Vorrede, S. 5-15; vgl. Brückner 2007, S. 407). Diese Haltung nahm zu einem historisch sehr frühen Zeitpunkt typische Argumente der spätmodernen Selbsthilfebewegungen vorweg.

 

Literatur

Bernd, A. (1738): Eigene Lebens-Beschreibung. Hg. von V. Hoffmannn. München: Winkler 1973.

Bernd, A. (1742): Adam Bernds Abhandlung von Gott und der Menschlichen Seele, und derselben natürlichen, und sittlichen Verbindung mit dem Leibe. Leipzig: Heinsius.

Bernd, A. (1745): Theologisch-philosophische Abhandlung von dem höchsten Übel des Menschen in diesem Leben, wie er demselben entgehen kann, und hingegen des höchsten Gutes theilhaftig werden könne, samt angehängten Ursachen, warum der Autor seine Lebensbeschreibung nicht fortzusetzen gesonnen. Leipzig: Heinsius.

Brückner, B. (2007): Delirium und Wahn. Geschichte, Selbstzeugnisse und Theorien von der Antike bis 1900. Bd. 1. Vom Altertum bis zur Aufklärung. Hürtgenwald: Pressler.

Gottsched, J. C. (2007): Briefwechsel. Unter Einschluss des Briefwechsels von Luise Adelgunde Victorie Gottsched. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. von D. Döring und M. Rudersdorf. Berlin: de Gruyter.

Papiór, J., B. Rowińska-Januszewska (2001): Zur polnisch-deutschen Kulturkommunikation in der Geschichte. Bydgoszcz: Wydaw.

Killy, W. (2005): Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Berlin: Directmedia.

Lepenies, W. (1998): Melancholie und Gesellschaft. Mit einer neuen Einleitung: Das Ende der Utopie und die Wiederkehr der Melancholie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lambrecht, R. (1996): Der Geist der Melancholie. Eine Herausforderung philosophischer Reflexion. München: Fink.

Niggl, G. (1989): Zur Säkularisierung der pietistischen Autobiographie im 18. Jahrhundert. In: G. Niggl (Hg.): Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Pascal, R. (1960): Die Autobiographie. Gehalt und Gestalt. Stuttgart: Kohlhammer 1965.

Schings, H.-J. (1977): Melancholie und Aufklärung. Melancholiker und ihre Kritiker in Erfahrungsseelenkunde und Literatur des 18. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzler.

 

Catharina Bonnemann, Burkhart Brückner

 

Foto: Unbekannt / Quelle: Unbekannt / Lizenz: gemeinfrei [public domain]. 

 

Zitierweise
Catharina Bonnemann, Burkhart Brückner (2015): Bernd, Adam.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/171-bernd-adam
(Stand vom:11.12.2018)