Woyzeck, Johann Christian
Nachname:
Woyzeck
Vorname:
Johann Christian
Epoche:
18. Jahrhundert
19. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Sonstige
Geburtsort:
Leipzig (DEU)
* 03.01.1780
† 27.08.1824
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Historisches Vorbild für Georg Büchners Trauerspiel Woyzeck

Johann Christian Woyzeck (1780-1824) wurde in Leipzig geboren, verlor früh seine Eltern und wuchs als Waisenkind auf. Er wurde zum Perückenmacher ausgebildet und ging 1798 auf Wanderschaft. Nach einer Zeit als Söldner kehrte er nach Leipzig zurück. 1821 ermor­dete er dort seine Geliebte Johanna Christiane Woost und wurde zum Tode verurteilt. 16 Jahre später porträtierte ihn der Dichter und Sozialrevolutionär Georg Büchner (1813-1837) in seinem Entwurf zu dem Drama Woyzeck und thematisierte damit unter anderem Veränderungen im Strafrecht des frühen 19. Jahrhunderts (Steinberg 2006, S. 340).

 

Präzedenzfall der forensischen Psychiatrie

Am Abend des 2. Juni 1821 erstach der arbeitslose Woyzeck seine Geliebte mit einer Degenklinge vor einem Hauseingang in der Leipziger Sandgasse (Krämer 2013, S. 506). Nach seiner Verhaftung gestand er die Tat. Wenige Tage später verbreitete der Leipziger Publizist Johann Adam Bergk, dass Johann Christian Woyzeck „des Sommers stets an Verstandesverirrungen“ leide (Dedner 2005, S. 361). In der Öffentlichkeit entstanden erhebliche Zweifel an der Schuld und dem Strafmaß. Das Gericht übertrug die gerichtlich-psychiatrische Prüfung dem Stadtphysikus und Professor der Medizin Johann Christian August Clarus (1774-1854). Clarus attestierte am 16. September 1821 Woyzecks Zurechnungsfähigkeit. Am 11. Oktober 1821 wurde das Todesurteil ausgesprochen, doch die Verteidigung wandte ein (vgl. Clarus 1824, S. 14), Woyzeck habe früher unter „periodischem Wahnsinn“ gelitten. Clarus (1826, S. 147) erstellte ein zweites, detaillierteres Gutachten und sah zwar „Kennzeichen von moralischer Verwilderung, von Abstumpfung gegen natürliche Gefühle und von Gleichgültigkeit in Rücksicht der Gegenwart und Zukunft“, befand Woyzeck jedoch wiederum für schuldfähig. Nach wiederholtem Einspruch der Verteidigung, dieses zweite Gutachten hätte an anderer Stelle gefertigt werden sollen, überprüfte die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig beide Gutachten und entschied endgültig, dass Woyzeck am 27. August 1824 durch Enthauptung hingerichtet werden könne (Steinberg 2005, S. 626 f.).

 

Literatur

Büchner, G. (2014): Woyzeck. Hamburg: Fabula.

Clarus, J. C. A. (1824): Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Johann Christian Woyzeck nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen. Leipzig: Fleischer.

Clarus, J. C. A. (1826): Früheres Gutachten des Herrn Hofrath Dr. Clarus über den Gemüthszustand des Mörders Joh. Christ. Woyzeck, erstattet am 16. Sept. 1821. In: Zeitschrift für die Staatsarzneikunde, 5. Ergänzungsheft, S. 129-149.

Clarus, J. C. A. (1828): Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen von Hrn. Hofrath Dr. Clarus. In: Zeitschrift für die Staatsarzneikunde, 4. Ergänzungsheft, S. 1-97.

Dedner, B. (2005; Hg.): Georg Büchner. Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe), Bd. 7, (2). Woyzeck. Text, Editionsbericht, Quellen, Erläuterungsteile. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Glück, A. (1987): Der historische Woyzeck. In: Georg-Büchner-Ausstellungsgesellschaft (Hg.): Georg Büchner. Revolutionär – Dichter – Wissenschaftler, 1813-1837. Basel: Stroemfeld Roter Stern, S. 314-324.

Heinroth, J. C. A. (1825): Ueber die gegen das Gutachten des Herrn Hofrath D. Clarus von Herrn D. C. M. Marc in Bamberg abgefasste Schrift, War der am 27. August 1824 zu Leipzig hingerichtete Mörder J. C. Woyzeck zurechnungsfähig? Leipzig: Hartmann.

Kelling, G. (1974): Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Johann Christian Woyzeck. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren.

Krämer, S. (2013): Georg Büchner (1813-1837). Radikalste Umsetzung seines literarischen Programms. In: Deutsches Ärzteblatt 12, (11), S. 506-507.

Marc, C. M. (1825): War der am 27ten August zu Leipzig hingerichtete Mörder Johann Christian Woyzeck zurechnungsfähig? Enthaltend eine Beleuchtung der Schrift des Dr. Clarus: „Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Joh. Christ. Woyzeck nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen“. Bamberg: Dresch.

Marc, C. M. (1826): Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders J. C. Woyzeck betreffend. Bamberg: Dresch.

Mayer, H. (1972): Georg Büchner und seine Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Müller, T. R. (2014): Wahn und Sinn. Patienten, Ärzte, Personal und Institutionen der Psychiatrie in Sachsen vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main: Mabuse.

Pethes, N. (2012): “Er ist ein interessanter casus, Subjekt Woyzeck”. Büchners Fallgeschichten. In: Patrick Fortmann, Martha B. Helfer (Hg.): Commitment and Compassion. Essays on Georg Buchner, S. 211-229.

Reuchlein, G. (1985): Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E. T. A. Hoffmann und Georg Büchner. Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Lang.

Roth. J. (1935): Zur Entwicklungsgeschichte der klinischen Diagnostik im frühen 19. Jahrhundert der Medizinischen Klinik der Universität Leipzig. Leipzig: Edelmann.

Schmideler, S., H. Steinberg (2004): Der Psychiater Johann Christian August Heinroth (1773-1843) als praktischer Arzt am Zucht-, Waisen- und Versorgungshaus St. Georg in Leipzig. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, S. 346-375.

Steinberg, H., S. Schmideler (2005): Das Gutachten der medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zum Fall Woyzeck. Nach 180 Jahren wieder entdeckt. In: Der Nervenarzt 76, (5), S. 626-632.

Steinberg, H., S. Schmideler (2006): Eine wiederentdeckte Quelle zu Büchners Vorlage zum „Woyzeck“. Das Gutachten der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. In: Zeitschrift für Germanistik 16, (2); S. 340-366.

Steinberg, H., S. Schmideler (2006a): Die Todesurteile des Leipziger Schöppenstuhls im Fall Woyzeck. In: Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie 74, (10), S. 575-581.

 

Robin Pape

 

Foto: Unbekannt / Quelle: Wikimedia / gemeinfrei [public domain].

 

Zitierweise
Robin Pape (2015): Woyzeck, Johann Christian.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/170-woyzeck-johann-christian
(Stand vom:11.12.2018)