Nachname:
Brune
Vorname:
Paul
Epoche:
20. Jahrhundert
21. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Politik
Sonstige
Geburtsort:
Altengeseke (DEU)
* 26.03.1935
† 16.03.2015
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Anstaltsinsasse und zivilgesellschaftlicher Aktivist.

 

Paul Brune (1935-2015) wurde als Kind einer außerehelichen Beziehung in Altengeseke am Rande des Sauerlandes geboren. Danach misshandelte der Ehemann die Mutter so schwer, dass sie versuchte, sich und ihre drei Kinder in einem Dorfteich zu ertränken, wobei eines der Kinder starb. Um die Mutter Paul Brunes vor einem Todesurteil für die Kindestötung zu bewahren, erklärten ihre Schwester sie für geistesgestört. Sie wurde mit den Diagnosen Schizophrenie und Epilepsie in die westfälische Anstalt Eickelborn eingewiesen, zwangssterilisiert und die Kinder kamen in Heime.

 

Im zweiten Lebensjahr wurde Brune in das katholische Waisenhaus Lippstadt gebracht, das von Vinzentinerinnen mit strengsten Regeln geführt wurde (Brune 2005, WDR-Interview; Krieg & Nolte 2005). Seine Schulzeit verbrachte er in der Horst-Wessel-Schule in Lippstadt. Dort erfuhr der Schulrektor Josef Sasse, ein überzeugter Faschist und Anhänger der „Rassenhygiene”, von der Vorgeschichte Paul Brunes und stellte einen Antrag auf Erfassung und Begutachtung beim Gesundheitsamt. Der Gutachter Dr. Heinrich Stolze, ein NSDAP-Mitglied, attestierte Paul Brune „asoziales Verhalten“ und Pflegebedürftigkeit in einer Anstalt aufgrund einer angeblich erblich bedingten „Geisteskrankheit“ (Krieg & Nolte 2005, S. 38 f.).

 

Überleben in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie

Mit acht Jahren wurde Paul Brune in die „Kinderfachabteilung“ der Heilanstalt Dortmund-Aplerbeck verlegt. Dort wurden im Rahmen der sogenannten „Kindereuthanasie“ über 200 Kinder ermordet und zahlreiche erwachsene Patienten in Vernichtungsanstalten überführt. Paul Brune entging nach einem ärztlichen Gutachten, das ihm eine vollkommen altersgerechte Entwicklung bescheinigte, nur knapp der Ermordung, da er nach einigen Monaten 1943 in das St. Johannes-Stift der Provinzial-Heil-und Pflegeanstalt im Sauerland verschoben wurde (Müller-Münch 2012, S. 199). Über die Ankunft berichtete er 1966 in einer Petition an den Landtag in Nordrhein-Westfalen: Am 3. 9. 43, dem Tag meiner 'Aufnahme', kam ich auf eine Station mit 50 anderen Jungen in meinem Alter. Das Haus befand sich direkt neben dem Küchenhaus der Anstalt. Die Räume waren leer und kahl. Außer einem Kreuz und einem Adolf Hitler-Bild hing nichts an den Wänden, das einzige Mobiliar bestand aus großen blankgescheuerten Tischen und eben solchen Bänken im Tagesraum und Betten in den Schlafräumen. Sonst nichts. Absolut nichts. Keine Blume, kein Spiel, erst recht kein Buch. (zit. nach Schumann 2005, S. 216). Brune berichtete dem Landtag zudem von Arbeitseinsätzen, Hunger, Quälereien durch Leitung und Personal und auch von Todesfällen durch die Behandlung.

 

Als 15-jähriger gab man ihn 1950 zur Familienpflege im Sauerland, wo er sich unter härtesten Bedingungen als Arbeitskraft über mehrere Jahre verdingen musste. Nach einem Suzidversuch wurde er wieder im St. Johannes-Stift in der geschlossenen Station für Schwerstbehinderte untergebracht. Nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen kam er schließlich mit der Diagnose Psychopathie zur endgültigen Unterbringung in die geschlossene Anstalt Marienthal in Münster, wo er von dem Anstaltspfarrer unterstützt wurde. Erst 1957, nach weiteren vier Jahren Familienpflege, erreichte Brune im Alter von 22 Jahren die gerichtliche Aufhebung seiner Entmündigung. Trotz der erheblicher psychischer Folgen der Hospitalisierungen verdiente Brune sich in den folgenden Jahren seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und begann, Petitionen mit dem Ziel seiner Rehabilitation zu verfassen. Die Stadt Essen gewährte ihm nach der Petition von 1966, auf die er allerdings nie eine offizielle Antwort erhielt, vier Jahre lang Sozialhilfe als Bildungshilfe (Schumann 2005).

 

Rehabilitation

In den siebziger Jahren holte Brune mit 36 Jahren sein Abitur 1971 an einem Abendgymnasium in Düsseldorf nach und schloss dann an der Universität Bochum ein Lehramts-Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften mit dem ersten Staasexamen ab (Krieg & Nolte 2005). Die Aufnahme eines Referendariats scheiterte jedoch 1978 am Einspruch des Amtsarztes des Bochumer Gesundheitsamtes Johannes John, vormals ärztlicher Leiter der Anstalt Eickelborn, der Brunes Studienerfolge der Fälschung verdächtigte, sich auf die frühere Krankenakte berief und seine Sozialhilfe strich (Müller-Münch 2012, S. 203). Brune erstritt sich jedoch das Recht auf ein Referendariat vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen und bestand auch das zweite Staatsexamen. Er wurde jedoch nicht als Lehrer eingestellt.

 

Erst 2003, nach 60 Jahren, wurde Paul Brune mit Unterstützung der Landtags-Abgeordneteten Brigitte Schumann nach seiner sechsten Petition als Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes anerkannt und erhielt mit einer monatlichen Rente von 260,- Euro die höchstmögliche Entschädigung (Krieg & Nolte 2005). 2005 präsentierte der Regisseur Robert Krieg seinen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe unterstützten Film Lebensunwert über das Leben von Paul Brune. 2007 veröffentlichte Paul Brune seine Autobiographie gemeinsam mit dem NS-Sterilisationsopfer Paul Wulf in dem Buch Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand. Brune engagierte sich weiter zivilgesellschaftlich und trat wiederholt auf Gedenkveranstaltungen als Zeitzeuge auf. 2013 wurden nach einem Fernsehbeitrag des WDR schwere Vorwürfe wegen Kindesmisbrauchs gegen die Anstalt St. Johannisstift öffentlich bekannt, in der Brune als Jugendlicher untergebracht war.

 

Paul Brune starb im März 2015 kurz vor seinem 80. Geburtstag in Bochum.

 

Literatur

Brune, P. (2007): Reflexionen über eine unglückliche Kindheit und Jugend. In: Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand. Nettersheim, S. 77-98.

Cloots, A. (2005): Medien zum Thema „Euthanasie für die Bildungsarbeit“. In: M. Köster (Hg.): Lebensunwert. Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen. Das Begleitheft zur DVD. Münster: Westfälisches Landesmedienzentrum, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, S. 27-29.

Freundeskreis Paul Wulf (2007, Hg.): Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution.

Kersting, F. W. (2005): Psychiatrie in Westfalen zwischen NS-„Euthanasie“ und Reform. In: M. Köster (Hg.): Lebensunwert. Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen. Das Begleitheft zur DVD. Münster: Westfälisches Landesmedienzentrum, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, S. 11-26.

Klee, E. (1983): „Euthanasie” im NS-Staat. Vernichtung lebensunwerten Lebens. Frankfurt am Main: Fischer.

Köster, M. (2005): Einführung. In: M. Köster (Hg.): Lebensunwert. Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen. Das Begleitheft zur DVD. Münster: Westfälisches Landesmedienzentrum, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, S. 5-7.

Krieg, R., M. Nolte (2005): Das Leben des Paul Brune. In: M. Köster (Hg.): Lebensunwert. Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen. Das Begleitheft zur DVD. Münster: Westfälisches Landesmedienzentrum, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, S. 8-10.

Krieg, R., M. Nolte (2005a): „Lebensunwert“. Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen. In: Graswurzelrevolution, Nr. 299 (Mai 2005), S. 1.

Mayer, J. (1927): Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker. Freiburg im Breisgau: Herder.

Müller-Münch, I. (2012): Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. Stuttgart : Klett-Cotta.

Schmidt, C. (2005): „Medizin ohne Menschlichkeit“. Internetforen und didaktische Mappen. In: M. Köster (Hg.): Lebensunwert. Paul Brune. NS-Psychiatrie und ihre Folgen. Das Begleitheft zur DVD. Münster: Landschaftsverband Westfalen-Lippe, S. 30-31.

Schumann, B. (2005): “Kontinuitäten" nach 1945 oder: Wie das Erbe der NS- Psychiatrie in den 1970er Jahren noch ungebrochen weiterwirkt. In: Behindertenpädagogik 44, (4), S. 215-220.

 

Rundfunkbeitrag

Brune, P. (2005): WDR 5, Erlebte Geschichten, 28. August 2005 (http://www.wdr5.de/sendungen/erlebtegeschichten/vorlage_erlebtegeschichten104.html)

 

Jessica Thönnissen, Burkhart Brückner

 

Zitierweise
Jessica Thönnissen, Burkhard Brückner (2015): Brune, Paul.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/156-brune-paul
(Stand vom:11.12.2018)