Nachname:
Weizsäcker
Vorname:
Viktor von
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Medizin
Neurologie
Psychosomatik
Geburtsort:
Stuttgart (DEU)
* 21.04.1886
† 09.01.1957
Biographie drucken

Neurologe und Wegbereiter der anthropologischen Medizin.

 

Viktor von Weizsäcker (1886-1957) wurde in Stuttgart geboren. Er studierte Medizin in Tübingen, Freiburg und Heidelberg. Seine erste Assistentenstelle erhielt er ab 1911 in der Heidelberger Medizinischen Klinik bei Ludolf von Krehl. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er eingezogen und arbeitete als Truppenarzt. 1917 habilitierte er sich und wurde ab 1920 Leiter der Abteilung für Nervenkrankheiten an Krehls Klinik. Im gleichen Jahr heiratete er die Juristentochter Olympia Curtius. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, von denen zwei während des zweiten Weltkrieges verstarben.

 

Weizsäcker blieb noch bis 1941 an der Heidelberger Klinik, bevor er auf das Ordinariat für Neurologie in Breslau wechselte. Zugleich leitete er ein Lazarett für Hirnverletzte und war Direktor des Breslauer Neurologischen Forschungsinstitutes. Zwischen 1942 und 1944 wurden dort ca. 200 Kindergehirne aus einer Kindertötungsanstalt untersucht. Inwieweit Weizsäcker darüber informiert war, ist unklar. Unvollständig geklärt ist auch seine Haltung zum NS-Regime; wenngleich er kein Mitglied der NSDAP war, stand er der NS-Ideologie in Teilen nicht ablehnend gegenüber. Nach dem Krieg distanzierte er sich von der NS-Politik, bekannte sich zu seiner persönlichen und auch zur kollektiven Schuld und ging zurück nach Heidelberg, wo er eine Professur für allgemeine klinische Medizin erhielt. 1950 gründete er dort gemeinsam mit Alexander Mitscherlich die erste psychosomatische Abteilung, bevor er 1952 emeritiert wurde. Viktor von Weizsäcker starb 1957 mit 70 Jahren in Heidelberg.

 

Anthropologische Medizin

Von Weizsäcker, ursprünglich ein experimentell verfahrender Forscher, kam erst später über die Neurologie zur Theorie der anthropologischen Medizin. Allerdings hatte sein Heidelberger Mentor von Krehl (1929) bereits zunehmend eine biographische Medizin vertreten. Von Weizsäcker übertrug zunächst die psychoanalytische Deutung neurotischer Symptome im Kontext der Lebensgeschichte auf körperliche Erkrankungen. Sein Konzept der „biographischen Pathogenese“ bezog sich auf die Fragen, warum bestimmte Symptome zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Biographie auftreten und worin der spezifische Zusammenhang zwischen körperlichen und seelischen Faktoren bei der Krankheitsgenese liege (v. Weizsäcker 1947). In seinem bekanntestem Werk Der Gestaltkreis (1940) lieferte er eine umfassende Theorie der „Einheit von Wahrnehmen und Bewegen“. Die von ihm angestrebte anthropologische Medizin übergreife letztlich alle medizinischen Disziplinen. Deshalb könne auch die psychosomatische Medizin höchstens eine Medizin vorbereiten „die noch vor der Krise steht. … Aber das Ziel einer anthropologischen Medizin wird dadurch doch deutlicher“ (1948, S. 268).

 

In seinen autobiographischen Schriften Begegnungen und Entscheidungen (1949) sowie Natur und Geist (1955) versuchte von Weizsäcker, den Zusammenhang zwischen Person und Werk am eigenen Beispiel zu belegen.

 

1994 wurde in Hannover die Viktor von Weizsäcker Gesellschaft gegründet. Die wissenschaftliche Vereinigung organisiert Tagungen und Publikationen zu v. Weizsäckers Werk (Bibliographie).

 

Auszeichnungen

1936: Wilhelm-Erb-Denkmünze.

1952: Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

 

Literatur

Benzenhöfer, U. (2007): Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Danzer, G. (2011, Hg.): Viktor von Weizsäcker. In: Wer sind wir? Auf der Suche nach der Formel des Menschen. Berlin: Springer, S. 395-406.

Dressler, S. (1989): Viktor von Weizsäcker – Medizinische Anthropologie und Philosophie. Wien: Ueberreuter.

Jacobi, R., D. Janz (2003, Hg.): Zur Aktualität Viktor von Weizsäckers. Würzburg: Königshausen + Neumann.

Krehl, L. von (1929): Krankheitsform und Persönlichkeit. Heidelberg, Berlin: Springer.

Rimpau, R. (2008, Hg.): Viktor von Weizsäcker. Warum wird man krank. Ein Lesebuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Weizsäcker, V. von (1917): Über die Energetik der Muskeln und insbesondere des Herzmuskels sowie ihre Beziehung zur Pathologie des Herzens. Heidelberg: Winter.

Weizsäcker, V. von (1926): Seelenbehandlung und Seelenführung nach ihren biologischen und metaphysischen Grundlagen betrachtet. Gütersloh: Bertelsmann.

Weizsäcker, V. von (1929): Kranker und Arzt. Berlin: Junker & Dünnhaupt.

Weizsäcker, V. von (1930): Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Berlin: Springer.

Weizsäcker, V. von (1933): Körpergeschehen und Neurose: Analytische Studie über somatische Symptombildungen. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 19, (1/2), S. 16-116.

Weizsäcker, V. von (1934): Ärztliche Fragen. Vorlesungen über allgemeine Therapie. In: P. Achilles, D. Janz, M. Schrenk (1987, Hg.): Viktor von Weizsäcker. Gesammelte Schriften, Bd. 5. Der Arzt und der Kranke – Stücke einer medizinischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 259-342.

Weizsäcker, V. von (1935): Studien zur Pathogenese. Leipzig: Thieme.

Weizsäcker, V. von (1940): Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. In: Gesammelte Schriften. Bd. 4. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997.

Weizsäcker, V. von (1941): Arzt und Kranker. Leipzig: Koehler & Amelang.

Weizsäcker, V. von (1941a): Klinische Vorstellungen. Stuttgart: Hippokrates.

Weizsäcker, V. von (1942): Gestalt und Zeit. Halle: Niemeyer.

Weizsäcker, V. von (1943): Wahrheit und Wahrnehmung. Über das Nervensystem. Leipzig: Koehler & Amelang.

Weizsäcker, V. von (1946): Anonyma. Bern: Francke.

Weizsäcker, V. von (1947): Von den seelischen Ursachen der Krankheit. Vortrag vor der Ärzteschaft Württembergs. In: R. Siebeck, V. von Weizsäcker (Hg.): Die Medizin in der Verantwortung. Tübingen: Furche, S. 27-44.

Weizsäcker, V. von (1947q): Fälle und Probleme: Anthropologische Vorlesungen in der medizinischen Klinik. Stuttgart: Enke.

Weizsäcker, V. von (1947b): Körpergeschehen und Neurose. Analytische Studie über somatische Symptombildungen. Stuttgart: Klett.

Weizsäcker, V. von (1947c): Die Medizin im Streit der Fakultäten. Vortrag. Universität Heidelberg 1946. In: K. Bauer (Hg.): Vom neuen Geist der Universität. Springer: Berlin.

Weizsäcker, V. von (1947d): Euthanasie und Menschenversuche. In: H. Kunz, A. Mitscherlich, F. Schottlaender (Hg.): Psyche. Ein Jahrbuch für Tiefenpsychologie und Menschenkunde in Forschung und Praxis. Bd. 1. Heidelberg: Lambert Schneider, S. 68-102.

Weizsäcker, V. von (1948): Grundfragen medizinischer Anthropologie. In: P. Achilles, D. Janz, M. Schrenk (1987, Hg.): Viktor von Weizsäcker. Gesammelte Schriften, Bd. 7. Allgemeine Medizin – Grundfragen medizinischer Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 255-282.

Weizsäcker, V. von (1948a): Der Begriff sittlicher Wissenschaft. Frankfurt am Main: Schulte-Bulmke.

Weizsäcker, V. von (1949): Begegnungen und Entscheidungen. Stuttgart: Koehler.

Weizsäcker, V. von (1950): Diesseits und Jenseits der Medizin. Stuttgart: Koehler.

Weizsäcker, V. von (1951): Der kranke Mensch: Eine Einführung in die medizinische Anthropologie. Stuttgart: Köhler.

Weizsäcker, V. von (1954): Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Grundfragen der Naturphilosophie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weizsäcker, V. von: (1955): Natur und Geist. erinnerungen eines Arztes. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weizsäcker, V. von (1955a): Soziale Krankheit und soziale Genesung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weizsäcker, V. von (1955b): Menschenführung: Nach ihren biologischen und metaphysischen Grundlagen betrachtet. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weizsäcker, V. von (1956): Pathosophie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

 

Julian Schwarz

 

Zitierweise
Julian Schwarz (2015): Weizsäcker, Viktor von.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/148-weizsaecker-viktor-von
(Stand vom:11.12.2018)