Laing, Ronald David
Nachname:
Laing
Vorname:
Ronald David
Epoche:
20. Jahrhundert
Arbeitsgebiet:
Sozialpsychiatrie
Psychoanalyse
Psychotherapie
Geburtsort:
Glasgow (GBR)
* 07.10.1927
† 23.08.1989
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Britischer Psychiater und Psychoanalytiker.

 

Ronald D. Laing (1927-1989) wurde in Govanhill bei Glasgow in Schottland geboren. Nach dem 1945 begonnenen Studium der Medizin arbeitete er sechs Monate in einer neurochirurgischen Klinik und von 1951 bis 1953 als Militärpsychiater. 1952 heiratete er seine Jugendfreundin Anne Hearne, mit der er fünf Kinder bekam. Er absolvierte zwischen 1957 und 1960 in London eine Ausbildung als Psychoanalytiker und arbeitete am Tavistock Institute of Human Relations. Ronald Laing war einer der international einflussreichsten britischen Psychotherapeuten und Linksintellektuellen der sechziger und siebziger Jahre im 20. Jahrhundert.

 

Psychiatriekritik

In seinem Frühwerk Werk The Divided Self (dtsch. Das geteilte Selbst) von 1960 verband Laing eine fundamentale Kritik der Psychopathologie mit der Methodik der existenziellen Phänomenologie sowie eigenen Fallstudien. Laing begriff den Ausdruck „Schizophrenie“ als ein abstraktes und tendenziell entfremdendes theoretisches Konstrukt, sein Interesse galt der konkreten Erfahrungs- und Seinsweise schizophrener Personen und ihrer charakteristischen „ontologischen Unsicherheit“. In der Psychotherapie sollten die Weltentwürfe der Patienten in ihrem sozialen und familiären Kontext verstanden werden: „Wie der Deuter muß der Therapeut die Elastizität haben, sich in eine andere, fremde und sogar gestörte Sicht der Welt zu transponieren. In diesem Akt bezieht er sich auf seine eigenen psychotischen Möglichkeiten, ohne seine geistige Gesundheit aufzugeben. Nur so kann er zu einem Verstehen der existentiellen Position des Patienten gelangen.“ (Laing 1960/1972, S. 33). In den folgenden Jahren arbeite Laing als Analytiker, aber auch als Direktor der Langham Clinic, er publizierte mehrere Bücher, u. a. zusammen mit Aaron Esterson und David Cooper, befreundete sich mit Gregory Bateson und wurde als politisch engagierter Mediziner international bekannt. 1965 gründete er die Philadelphia Association in London, die bis 1970 die therapeutische Gemeinschaft Kingsley Hall als Alternative zur stationären Psychiatrie betrieb.

 

Transpersonale Wende

1967 erschien Laings kommerziell erfolgreichstes Buch, die Aufsatzsammlung The Politics of Experience. Sie enthält unter anderem den 1965 auf Tonband mitgeschnittenen, autobiographischen Bericht des Bildhauers Jesse Watkins über eine 27 Jahre zurückliegende, zehntägige psychotischen Episode. Laing (1967/69, S. 152) fasste den Text als Beleg seiner umstrittenen These auf, psychotische Episoden könnten mitunter als erfolgreiche Versuche der Selbstheilung angesehen werden: „Erkennen wir nicht, dass diese Reise nicht etwas ist, von dem wir geheilt werden müßten, sondern dass sie selbst ein natürlicher Weg zur Heilung aus unserem schrecklichen Zustand der Entfremdung ist, den wir „Normalität“ nennen?“

 

1971 veröffentlichte Laing ein Buch mit Aphorismen über Verstrickungen in Beziehungen unter dem Titel Knots. 1974 heiratete er seine zweite Frau Jutta Werner, aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Laing (1976) wandte sich dann körpertherapeutischen Methoden (Rebirthing) sowie spirituellen, transpersonalen Ansätzen zu. Konflikte mit Kollegen, aber auch mit seiner Frau, führten zu steigendem Alkoholkonsum. 1981 trat er vom Vorsitz der Philadelphia Association zurück. 1985 erschien seine Autobiographie und ein Jahr später wurde seine zweite Ehe geschieden. Mit seiner Assistentin Marguerita Romayne-­Kendon bekam er zwei weitere Kinder, zog in die USA und schließlich nach Österreich. Ronald Laing starb 1989 an einem Herzinfarkt in St. Tropez.

 

Literatur

Abrahamson, D. (2007): R. D. Laing and long-stay patients: discrepant accounts of the refractory ward and ‘rumpus room’ at Gartnavel Royal Hospital. In: History of Psychiatry 18, (2), S. 203-215.

Bateson, G., D. D. Jackson, J. Haley, L. C. Wynne, I. M. Rychoff, J. Day, S. J. Hirsch, T. Lidz, A. Cornelison, S. Fleck, D. Terry, H. F. Searles, M. Bowen, E.F. Vogel, N. W. Bell, R. D. Laing, J. Foudraine (1969): Schizophrenie und Familie. Beiträge zu einer neuen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990.

Burston, D. (2000): The Crucible of Experience: R. D. Laing and the Crisis of Psychotherapy. Cambridge: Harvard University Press.

Clay, J. (1996): R. D. Laing. A Divided Self. London: Sceptre.

Collins, K. (2008): Joseph Schorstein: R. D. Laing’s ‘rabbi’. In: History of Psychiatry 19, (2), S. 185-201.

Cooper, D. G., R. D. Laing (1973): Vernunft und Gewalt. Drei Kommentare zu Sartres Philosophie, 1950-1960. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Crossley, N. (2008): R. D. Laing and the British Anti-Psychiatry Movement: a Socio-Historical Analysis. In: Social Science & Medicine 47, (7), S. 877-889.

Laing, A. (1997): R. D. Laing – A Life. London: Harper Collins.

Laing, R. D. (1960): The Divided Self. An existential study on sanity and madness. London: Tavistock. [Dtsch.: Das geteilte Selbst. Eine existentielle Studie über geistige Gesundheit und Wahnsinn. Kiepenheuer & Witsch 1972].

Laing, R. D. (1961): The Self and Others. Further Studies in Sanity and Madness. London: Tavistock.

Laing, R. D. (1964): Sanity, Madness and the Family. London: Tavistock.

Laing, R. D. (1967): The Politics of Experience. New York: Pantheon. [Dtsch.: R. D. Laing: Phänomenologie der Erfahrung. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1969, S. 134-153].

Laing, R. D. (1969): The Politics of the Family. London: Tavistock.

Laing, R. D. (1970): Knots. New York: Pantheon.

Laing, R. D., H. Phillipson (1971): Interpersonelle Wahrnehmung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Laing, R. D. (1976): The Facts of Life. London: Lane.

Laing, R. D. (1985): Wisdom, Madness and Folly: The Making of a Psychiatrist. Macmillan, London.

Mullan, B. (1995): Mad to be Normal: Conversations with R. D. Laing. London: Free Association.

Raschid, S. (2005, Hg.): R. D. Laing: Contemporary Perspectives. London: Free Association.

 

Robin Pape, Burkhart Brückner

 

Foto: Profero Grafisk, Norway. Quelle: Wikimedia / Lizenz: CC BY-SA 3.0 or GDFL

 

Zitierweise
Robin Pape, Burkhart Brückner (2015): Laing, Ronald David.
In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.
URL: biapsy.de/index.php/de/9-biographien-a-z/113-laing-ronald-david
(Stand vom:17.11.2018)