Bauer, Manfred

Deutscher Reformpsychiater

Manfred Bauer wurde in Offenbach am Main als Ältester von sechs Kindern geboren. Sein Vater war Landarzt. Nach dem Abitur 1958 am Rudolf-Koch-Gymnasium in Offenbach studierte er Medizin in Frankfurt am Main, Tübingen und Heidelberg und schloss das Studium mit dem Staatsexamen 1964 an der Universität Frankfurt am Main ab. 1966/67 erhielt er ein einjähriges Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur „Untersuchung der Nebenwirklungen von Neuroleptika bei chronisch schizophrenen Patienten“. 1967 erfolgte die Approbation und 1968 promovierte er zum Dr. med. an der Universität Frankfurt am Main. Ab 1970 absolvierte Bauer eine durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderte Ausbildung am Niedersächsischen Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Hannover und erhielt 1974 die Zusatz-Anerkennung „Psychotherapie“ zum Facharzt für Psychiatrie. Ab 1971 war er wissenschaftlicher Berater der Bundesmodelleinrichtung Behindertenhilfe Hannover und ab 1972 im Vorstand des Vereins zur Förderung seelisch Behinderter e. V. Hannover tätig, einem Träger mehrerer Wohnheime und einer Werkstatt für seelisch Behinderte.

Berufliche Stationen

Bauers psychiatrische Laufbahn begann in den hessischen Landeskrankenhäusern Heppenheim und Köppern sowie an der Universitätsklinik in Frankfurt/ Main. Danach ging er nach Heidelberg, wo er u. a. Heinz Häfner, Karl-Peter Kisker, Alexander Mitscherlich und Walter Ritter von Baeyer traf und eine offene Diskussionskultur vorfand. Die Reform der Anstaltspsychiatrie und die Bedeutung von Psychosomatik und Psychoanalyse prägten seinen weiteren beruflichen Weg. Ende der 1960er Jahre folgte er Karl-Peter Kisker an die Medizinische Hochschule Hannover. Während eines Aufenthalts in Großbritannien lernte er Douglas Bennett (Maudsley Hospital London) kennen und erweiterte seine Kenntnisse über eine sach- und anwendungsbezogene Psychiatrie-Reform, die er später in Hannover beim Aufbau einer gemeindeorientierten „Sektor-Psychiatrie“ einbringen und anwenden konnte.

Manfred Bauer war wesentlich an der Entstehung der 1975 veröffentlichten Psychiatrie-Enquête des Deutschen Bundestages beteiligt. Er schildete seinem Onkel Walter Picard (Bundestagsabgeordneter, CDU) die aktuellen Probleme der psychiatrischen Versorgung, woraufhin Picard eine große Anfrage an die Regierung formulierte und damit die Psychiatrie-Enquete anstieß. Bauer engagierte sich zudem von Anfang an in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (gegründet 1970 als multiprofessioneller Verband) und bei der Aktion Psychisch Kranke (gegründet 1971 von Politikern und Fachleuten). Zudem war er Vorsitzender des Arbeitskreises der ChefärztInnen der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern.

Einführung der Gemeindepsychiatrie in Offenbach

1980 beschloss der Magistrat der Stadt Offenbach den Aufbau einer Abteilung für Psychiatrie am Stadtkrankenhaus, deren Chefarzt Bauer wurde. Bereits ein Jahr vor der Eröffnung der Abteilung regte Bauer die Gründung des Offenbacher Vereins zur Förderung seelisch Behinderter e. V. an (später: Lebensräume e. V.). Dieser Verein wurde von einer Handvoll engagierter Angehöriger, Laien und zukünftiger Mitarbeiter der Klinik betrieben und wurde zur tragenden Säule der komplementären und ambulanten Psychiatrie in Stadt und Kreis Offenbach. Mit Engagement, Überzeugungskraft und unerschütterlichen Optimismus gewann Bauer die MitarbeiterInnen der Klinik, des Vereins Lebensräume und des auf seine Initiative hin gegründeten Sozialpsychiatrischen Dienstes für das Ziel, die PatientInnen aus dem weit entfernten Krankenhaus des Landeswohlfahrtsverbands Hessen in Riedstadt-Goddelau zurück in die Gemeinde zu bringen.

Was heute selbstverständlich ist, war damals ein von vielen Experten angezweifeltes Unterfangen. Dass es gelang, belegte Manfred Bauer durch die alltägliche Praxis und durch entsprechende, gemeinsam mit MitarbeiternInnen der Klinik durchgeführte Studien, beispielsweise zur psychiatrischen Versorgung und kommunaler Vernetzung. Darüber hinaus machte er sich als Sachverständiger im Bereich des Strafrechtes in der regionalen Justiz einen Namen und verstand es auch auf diesem Weg, sozialpsychiatrisch relevanten ethischen Grundlagen und Fragestellungen auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Kontexten Gehör zu verschaffen. Die Gründung der Psychiatrie-Stiftung Offenbach geht ebenfalls auf seine Initiative zurück. Manfred Bauer prägte die Offenbacher Versorgungslandschaft über 25 Jahre. Mit seinem Leitsatz „Bemühen allein reicht nicht, ein gewisses Maß an Begeisterung darf es schon auch noch sein“ hat er die regionale psychiatrische Landschaft nachhaltig geprägt und sich für die gesellschaftliche Teilhabe, Rehabilitation und Integration von psychiatrieerfahrenen Menschen eingesetzt.

Manfred Bauer gründete mit Mitstreitern 1971 die Fachzeitschrift Sozialpsychiatrische Informationen und war 1973 Mitbegründer und langjähriger Herausgeber der Zeitschrift Psychiatrische Praxis. Ab 1975 gab er geschäftsführend die Buchreihe Fortschritte der Sozialpsychiatrie heraus. 1995 unterstützte er die Gründung der ersten psychiatrischen Pflegezeitschrift in Deutschland Psych. Pflege Heute.

Auszeichnungen

1977 Hermann-Simon-Preis

1998 Bundesverdienstkreuz, 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Literatur

Bauer, M., (unter Mitarbeit von T. Lehtomies) (1977): Sektorisierte Psychiatrie. (Forum der Psychiatrie; hg. v. J. Glatzel, H. Krüger, C. Scharfetter). Stuttgart: Enke.

Bauer, M., B. Bosch, H. Freyberger, G. Hofer, H.-W. Janz, K. P. Kisker, H. Krüger, P. Petersen, M. Pflanz, M. Richartz, H. K. Rose, E. Wulff (1976): Psychiatrie, Psychosomatik. Psychotherapie. Stuttgart: Thieme.

Bauer, M., H. Haselbeck (1983): Sozialpsychiatrische Dienste in einer Großstadt – Projekt Hannover. In: Der Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hg.): Modellverbund „Ambulante psychiatrische und psychotherapeutisch/psychosomatische Versorgung“ (Band 163, Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit). Stuttgart: Kohlhammer.

Bauer, M., H. Berger (1984): Die Rückverlegung der psychiatrischen Regelversorgung in die Gemeinde – Erste Erfahrungen am Beispiel Offenbach. In: Spektrum 6, S. 239 – 248.

Bauer, M., H. Berger (1986): Rechtsprobleme bei der Einweisung und Behandlung von 
Akutkranken mit einem Anhang zu Pflegschaft und Entmündigung. In: K. P. Kisker, H. Lauter, J.-E. Meyer, C. Müller, E. Strömgren (Hg.): Psychiatrie der Gegenwart, Bd. 2., Krisenintervention – Suizid – Konsiliarpsychiatrie. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer, S. 45-86.

Bauer, M., H. Berger (1988): Kommunale Psychiatrie auf dem Prüfstand. Stuttgart: Enke.

Bauer, M., H. Berger (1990): Psychiatrische Arbeit vor Ort. Der Aufbau eines sektorisierten psychiatrischen Versorgungssystems. Stuttgart: Kohlhammer.

Haselbeck, H., H. Elgeti (2024): Ein großer Stratege der Psychiatriereform. Erinnerung an Manfred Bauer. In: Sozialpsychiatrische Informationen 54(2), S. 60-62.

Hilde Schädle-Deininger, Hartmut Berger

Zitierweise

Hilde Schädle-Deininger, Hartmut Berger

(2026):
Bauer, Manfred

In: Biographisches Archiv der Psychiatrie.

URL: https://biapsy.de/bauer-manfred
Stand vom:
12.03.2026